Behind the Scenes: So entstehen Lawinen-Airbags bei ABS

Mehr Sicherheit auf Ski mit Lawinen-Airbags


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Lawinen-Airbag ABS Sicherheit
Foto: ABS Hansi Heckmair

 

Lawinen-Airbag ABS Sicherheit
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Lawinen-Airbag ABS Sicherheit
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Lawinen-Airbag ABS Sicherheit
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Airbags können Lawinenopfern das Leben retten. ABS setzt seit mehr als 25 Jahren auf das Prinzip, gar nicht erst verschüttet zu werden. In den Systemen steckt jede Menge Hightech und Entwicklungsarbeit. planetSNOW nimmt Sie mit hinter die Kulissen.

Die Geschichte ist skurril, aber wahr: In den 70er-Jahren fährt ein Jäger mit geschossenen Gämsen auf den Schultern mit Ski ins Tal ab und löst ein Schneebrett aus. Dabei merkt er, dass ihn die voluminösen Körper der Tiere in den rutschenden Schneemassen an der Oberfläche halten. Es folgen Tests mit großen Kanistern, Forscher bestätigen den Effekt. Die Idee eines Lawinen-Airbags ist geboren und wird zum Patent angemeldet.

Schutzengel mit zwei Flügeln
Als Erster erkennt der Ingenieur Peter Aschauer, kurz nachdem er einer Lawinensituation ausgesetzt war, das Potenzial dieser Idee. Er kauft 1980 das Patent. Nach Jahren der Tüftelei stellt er 1985 den ersten ABS-Rucksack vor: 4 Kilo schwer, mit einem einzigen Pressluftsack. Bis 1996 bleibt es dabei. Dann bringt ABS den TwinBag mit seitlich angebrachten Airbags auf den Markt, der einen bis dahin unerreichten dynamischen Auftrieb erzeugt. Die „Flügel“ werden gleichzeitig gefüllt, haben aber separate Verschlussventile, was für zusätzliche Sicherheit sorgt, falls eine der beiden Luftkammern beschädigt wird. Der Schutzengel hat – wie es sich gehört – fortan zwei Flügel.

Hohe Überlebenswahrscheinlichkeit
Die Wahrscheinlichkeit, mit einem TwinBag einen Lawinenabgang zu überleben, liegt bei 97 Prozent. 84 Prozent der Opfer bleiben sogar unverletzt. Das Schweizer Institut SLF hat dazu mehr als 250 Unfälle ausgewertet. In die meisten dieser Unfälle waren auch Personen ohne Lawinen-Airbag involviert. Davon haben 25 Prozent den Abgang nicht überlebt. Eine deutlichere Sprache können Zahlen nicht sprechen. Dennoch schrecken noch viele Offpiste-Fans vor der Anschaffung zurück. Zu teuer, zu schwer, zu kompliziert – so lauten die Argumente.

Ständige Entwicklung für mehr Sicherheit
Tatsächlich steckt in so einem System viel Hightech. Es besteht aus rund 60 Komponenten und wird in Gottfrieding bei Dingolfing (Niederbayern) montiert. Die Teile stammen nahezu alle aus der EU, einzig die Rucksackhülle wird in Asien hergestellt. Um das Gewicht zu minimieren, werden besonders leichte Bestandteile verbaut, die dennoch über eine hohe Qualität und Beständigkeit verfügen. Zudem gibt es mehrere Sicherheitsprüfstufen. Am Ende steht für jeden einzelnen Airbag eine Endprüfung, das heißt, es wird nicht nur eine Stichprobe getestet, sondern wirklich jedes System. Dieser Aufwand hat natürlich seinen Preis. Aufwendig ist auch die Entwicklung: Vor allem das Athleten-Team, das ständig mit den Rucksäcken unterwegs ist, liefert Input. Dabei geht es darum, die Auslösung so einfach wie möglich zu gestalten, den Tragekomfort zu optimieren und das Gewicht zu senken. Außerdem ist ABS der einzige Hersteller, der eine Fernauslösung anbietet.

Gruppen-Auslösung der Lawinen-Rucksäcke
Es gab nämlich vereinzelt Fälle, in denen Lawinenopfer zwar mit einem Airbag ausgerüstet waren, diesen aber nicht auslösen konnten. ABS entwickelte deshalb mit der TU München und dem Fraunhofer Institut die „Wireless Activation“. Diese ermöglicht es, den Rucksack eines Kameraden per Funk auch aus der Ferne auszulösen. Jeder Airbag kann damit aufgerüstet werden. Vor einer Tour werden alle Fernauslösegriffe einer Gruppe aufeinander abgestimmt. Hierbei gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder kann jeder den Airbag aller anderen auslösen. Oder nur einer, zum Beispiel der Bergführer, kann alle Airbags aus der Ferne auslösen, das einzelne Gruppenmitglied aber nur seinen eigenen Airbag.

Leicht und sicher
Ähnlich innovativ sind die noch leichteren Carbon-Patronen: Einen Airbag, der Platz für Schaufel und Sonde bietet, gibt es diesen Winter bereits ab 2,3 Kilo. Um Gewicht zu sparen, soll es allerdings keine Abstriche bei den sicherheitsrelevanten Bestandteilen geben. ABS setzt auch in Zukunft auf zwei Airbags, die den Körper in einer Lawine stabilisieren und volle Bewegungsfreiheit bieten. Das System ist so überzeugend, dass sich einige Rucksackhersteller dazu entschieden haben, einen Airbag in ihr Sortiment aufzunehmen.

ABS unterscheidet dabei zwischen den „ABS Inside“- und den „ABS Compatible“-Partnern. Erstere (Bergans, Dakine, Haglöfs, Ortovox, Salewa und The North Face) entwickeln zusammen mit ABS einen eigenen Rucksack, in den das System eingebaut wird. Letztere fertigen sogenannte „Zip-ons“, die mit der ABS-Basis- Einheit (der Rückenplatte mit integriertem ABS-System) kompatibel sind. Diese Zip-ons lassen sich einfach per Reißverschluss an die Basiseinheit „andocken“. Der Vorteil für den Nutzer: Er kann mit nur einer Basiseinheit verschieden große Rucksäcke für diverse Einsatzzwecke bestücken. Diesen Winter rechnet ABS mit mehr als 30.000 verkauften Systemen weltweit. Die Sicherheit im Powder ist also auf dem Vormarsch. Und die damals von dem Jäger geschossenen Gämsen sind wenigstens keinen sinnlosen Tod gestorben.

27.11.2013
Autor: Günter Kast
© planetSNOW
Ausgabe 03/2013