Urner Haute Route

Die Haute Route für Freerider

Matthias Fredriksson Urner Alpen
Foto: Matthias Fredriksson
Bei vielen mehrtägigen Skidurchquerungen der Alpen steht vor allem das Naturerlebnis im Vordergrund. Anders die Urner Haute Route von Andermatt nach Engelberg: Hier ist auch der Anteil grandioser Powder-Runs groß – wenn das Wetter es zulässt ...

In stetigem Schritt steigen wir von der Tierberglihütte den Steingletscher hinauf. Christian, unser Bergführer, weist uns auf eine schulbusgroße Wächte hin, die wir lieber umgehen sollten. Über uns thront der Gipfel des Sustenhorns. Zum Schutz vor dem Wind haben wir uns die Kapuzen über den Kopf gezogen. Oben begrüßt uns ein gewaltiges Gipfelkreuz – und einer der schönsten Panoramablicke der Schweizer Alpen. Wir genießen die Aussicht über den Eiger und das Lauterbrunnental im Westen sowie die legendäre Pyramide des Matterhorns im Süden.

Fotostrecke: 17 Freeride-Ski im Test

17 Bilder
Test 2015 Freeride Ski Foto: Hersteller
Test 2015 Freeride Ski Foto: Hersteller
Test 2015 Freeride Ski Foto: Hersteller

Dies ist eine der schönsten Passagen der Urner Haute Route, eine der weniger bekannten Skidurchquerungen der Alpen. Es ist März 2015. Der schwedische Fotograf Mattias Fredriksson und ich sind gemeinsam mit den kanadischen Freeski-Pros Mike Douglas und Alexis Godbout in die Urner Alpen aufgebrochen. Die Schweizer Berge sind voller „Hautes Routes“, die sich durch berühmte Täler winden und über steile Pässe führen, um die zigtausend Hütten zu verbinden, die hier seit Jahrzehnten auf die Skiwanderer warten. Viele dieser Routen durchqueren wunder- schöne Landschaften, folgen aber häufig dem Weg des geringsten Widerstands. Sie führen über lange Gletscherpassagen und haben eher konservative Abfahrten zu bieten. Die „Urner“ in den Schweizer Zentralalpen ist dagegen als die Haute Route für Skifahrer bekannt, die echtes Freeride-Terrain suchen. Sie verläuft zwischen Realp bei Andermatt und Engelberg. Auf der 5-tägigen Strecke kann man nicht nur die Hüttenkultur der Schweiz kennenlernen, sondern auch einige aufregende Powder-Lines ziehen – wenn die Verhältnisse es erlauben.

Fotostrecke: Die 18 besten Produkte für Freerider

18 Bilder
Die Top 18 Produkte für Freerider Foto: Hersteller
Die Top 18 Produkte für Freerider Foto: Hersteller
Die Top 18 Produkte für Freerider Foto: Hersteller

Aber von vorne. Als wir in Engelberg ankommen, sind wir ein wenig enttäuscht: es schneit. Das trifft uns hart. Zwar hat sich noch nie zuvor einer von uns gewünscht, dass es nicht schneit. Aber wenn wir die Urner Haute Route angehen wollen, brauchen wir klaren Himmel und eine stabile Lawinenlage. Unser einheimischer Bergführer Christian Aschwanden stellt klar, dass wir unter diesen Bedingungen erst in einigen Tagen aufbrechen können, wenn das Wetter besser wird. Er schlägt vor, stattdessen ein wenig powdern zu gehen. Das lassen wir uns nicht 2-mal sagen und fahren zum Brunni hoch, wo 50 Zentimeter Neuschnee warten. Die folgenden Abende verbringen wir in der Ski Lodge Engelberg, checken bei einem Bier den Wetterbericht, studieren die Karte und debattieren unsere Optionen für die Haute Route.

Fotostrecke: 6 Skitouren-Tipps von Profis

6 Bilder
Foto: Wolfgang Ehn
Foto: Matthias Fend
Foto: PatitucciPhoto

Die wohl populärste Variante beginnt in Realp bei Andermatt und führt unterhalb des Winterstocks vorbei zum Tiefenstock (3515 m) und weiter zur Chelenalphütte (2350 m). Von hier aus gibt es mehrere Möglichkeiten. Unser Plan ist es, die Tierberglihütte (2795 m) zu erreichen und zum Gipfel des Sustenhorns auf 3503 Meter auf- zusteigen. Dann geht es weiter zum Hotel Steingletscher, bevor uns ein kürzerer Tag zur Sustlihütte bringt. Danach kommt das große Finale, die wohl schönste Abfahrt: Ein nach Norden ausgerichteter 1500-Meter-Hang vom Grassengrat ins Tal. Die gesamte Route ist über 30 Kilometer lang und erfordert fast 5000 Höhenmeter Aufstieg durch hochalpines Gelände. Dafür brauchen wir ein sicheres Wetterfenster.

Fotostrecke: 17 Offpiste Ski im Test

17 Bilder
Test 2015 Offpiste Ski Foto: Hersteller
Test 2015 Offpiste Ski Foto: Hersteller
Test 2015 Offpiste Ski Foto: Hersteller

Das Wetter spielt jedoch nicht mit. Wir beschließen daher, die Berge der Umgebung und Teile der Urner Houte Route in kleineren Portionen abzufahren. Es ist ein sonniger Tag, bevor morgen wieder Schneefall folgen soll. Wir wechseln auf die Südseite des Gotthardtunnels nach Andermatt. Vom Gipfel des Gemsstocks zeigt uns Christian unsere Route in Richtung Norden. Wir fahren unterhalb der Gondel in perfekten Powder ein und stauben eine Wolke kristallklarer Schneekristalle auf. Ein wunderbarer Run! Dann fellen wir auf und erreichen nach dem Aufstieg einen Pass im Westen. Dort erleben wir eine zweite schöne Abfahrt. Nach einem weiteren Aufstieg voller Serpentinen genießen wir den langen Run nach Hospental. Als wir danach im Café in der Sonne sitzen, grinst Alexis breit. Er ist total begeistert von seinem ersten Skitourentag in den Alpen. Alexis war einer der besten Slopestyle-Skifahrer der Welt, aber nach 3 Knieverletzungen muss er sich jetzt eine neue Beschäftigung suchen. Mit 24 Jahren erfindet er sich gerade als Bigmountain-Skifahrer neu. „Ich suche weichere Landungen im Powder. Noch vor wenigen Jahren hätte ich mir nie vorstellen können, eine Skitour zu gehen“, erklärt er.

Auch für Mike sind Skitouren ein neues Abenteuer in seinem prall gefüllten Skifahrer-Lebenslauf. Der „Godfather des Freeskiing“ hat einst die Twintip-Revolution angeführt. Inzwischen ist der ehemalige Buckelpisten- und Freestyle-Fahrer einer der besten Bigmountain-Rider der Welt. Obwohl Mike seit über 20 Jahren Skiprofi ist und oft in Europa war, hat er noch nie eine mehrtägige Skitour unternommen oder eine Nacht in einer der pittoresken Berghütten der Alpen verbracht.

Fotostrecke: Best of Ski: Die besten Ski 2016 im Test

40 Bilder
Test 2015 Allmountainski Foto: Hersteller
Test 2015 Allmountainski Foto: Hersteller
Test 2015 Allmountainski Foto: Hersteller

Die Wettervorhersage macht schließlich unsere Hoffnungen zunichte, die Urner Traverse vollständig gehen zu können. Als ich Christian frage, ob wir zu früh im Jahr dran sind, schüttelt er den Kopf: „Die meisten gehen die Route zwar später im Frühjahr an, wenn die Hänge verfirnt sind. Aber März ist die beste Zeit, wenn man Powder fahren will.“

Christian schlägt vor, dass wir uns stattdessen mit dem Heli in die Berge fliegen lassen, um einige Hütten zu besuchen und ein kurzes Wetterfenster auszunutzen, das nach dem Schneefall angekündigt ist. Er ist am Vierwaldstätter See aufgewachsen und kennt die Berge und Mikroklimata der Täler in dieser Gegend genau. Nach einigen Anrufen bei Freunden und anderen Bergführern arbeitet er eine Route aus, die während des 3-tägigen Wetterfensters gute Witterung und ebenso guten Schnee verspricht.

Unser Heli hebt in Erstfeld ab. Am En- de des Tals kommt der Groß Spannort in Sicht. Wir landen auf einem Kamm. Die Ausläufer des Sturms der letzten Tage ver- treiben uns schnell von dort. Breite Kessel bieten im Schatten der Felswände erstklassigen Powder, der sich schnell und locker fahren lässt. Wir folgen Christians flüssigen Schwüngen und erreichen die Kröntenhütte, wo uns Markus Wyrsch und seine Frau Irene begrüßen. Markus drückt uns ein Bier in die Hand und be- richtet, dass er gerade erst in die Hütte zu- rückgekehrt ist, nachdem er das Tief im Tal ausgesessen hat.

Die Kröntenhütte liegt auf 1903 Meter und ist eine der 152 Hütten des Schweizer Alpen-Clubs. Viele von ihnen sind im Winter geschlossen und öffnen erst im Frühjahr wieder, wenn das Wetter stabiler wird und die Bergsportler in immer höhere Höhen vordringen. Gewöhnlich können Skifahrer und Kletterer, die zu einer unbesetzten Hütte kommen, dort mit Wolldecken übernachten und einen Propanherd nutzen. Wir haben das Glück, dass Markus da ist, der die Hütte aufsperrt und uns eine Suppe sowie Spaghetti Bolognese zubereitet.

Am nächsten Morgen stehen wir sehr zeitig auf und frühstücken ein Müsli mit heißem Kaffee. Draußen ziehen wir die Felle auf die Ski. Die Nacht war eiskalt, was gute Schneeverhältnisse verspricht. Christian legt ein flottes Tempo vor, da- mit unsere Zehen warm werden. Dann geht die Sonne über dem engen Tal auf und erleuchtet einen gewaltigen Freeride-Spielplatz. Mike und Alexis steigen zu einem breiten Höcker auf, um einen weiten Hang zu erreichen, den 2 Felsenklippen mit steilen Landungen teilen. Mike beginnt den Tag mit einem steilen, diagonalen Sprung und fährt dann wie eine Rakete zum Fuß des Hangs hinab.

Wir genießen es, endlich hochalpine Hänge fahren zu können. Beim nächsten Aufstieg wird viel gescherzt und gelacht. Trotz ihrer Unerfahrenheit im Skitourengehen fühlen sich Mike und Alexis gut und arbeiten effizient. Sie diskutieren schon wieder die nächsten Lines, die sie abfahren möchten. Oben merkt Mike an, dass das Skitourengehen zwar eine natürliche Art der Fortbewegung sei, der größ- te Katalysator für seine Entwicklung jedoch Technologie und Design gewesen seien. Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass der Erfinder des Twintips jetzt auf einem leichten Ski mit flachem Tail und Skitourenbindung in einem Skischuh mit Gehmodus unterwegs ist.

„Mit der heutigen Ausrüstung kann man aggressiv Ski fahren“, lobt Mike. „Früher war das Skitouren-Equipment ein echtes Hindernis für mich.“ Mike Douglas ist inzwischen 45 Jahre alt. Aber in der Art, wie er die nächste steile Rinne angeht, zeigt sich, dass er in Sachen Bigmountain nichts verlernt hat. Das Gleiche gilt für Alexis, der noch einen 10-Meter-Cliffdrop steht und den Hang in seinem unverkennbaren Style abfährt.

Nach dem Lunch und der nächsten Ab- fahrt treffen wir uns an der Kröntenhütte wieder. Der Helikopter bringt uns zur Tierberglihütte, von der aus wir das Sustenhorn besteigen wollen. Die Hütte liegt auf einem Felsvorsprung inmitten des Steingletschers und bietet einen spektakulären Blick. „So habe ich mir das vorgestellt“, ruft Mike, „dafür sind die Schweizer Alpen berühmt!“

Wir kommen am späten Nachmittag an. Die Hütte ist leer, die Tür eingeschneit. Das 1942 erbaute Haus hat sicher schon viele Stürme überstanden. Nur der Schuhraum und eine kleine Küche sind offen zugänglich, aber das reicht uns. Wir graben den Eingang und einige Fenster frei. Christian kocht das Abendessen, während wir den Raclettekäse über einer Kerze zum Schmelzen bringen. Alexis ist erschöpft, aber begeistert von dieser gemächlichen Art und Weise, sich seine Schwünge zu verdienen. „Es ist superschön, eine coole Linie zu fahren, nachdem man mit den Ski den ganzen Hang bergauf gegangen ist“, konstatiert er beim letzten Glas Wein, bevor wir uns hinlegen.

Die Nacht ist eiskalt. Wir schlafen in Daunenjacken unter mehreren Wolldecken. Am Morgen ist es klar. Aber der Wind ist stark, so dass wir uns beeilen, über den Gletscher zum Sustenhorn zu kommen. Es ist ein langer, stetig ansteigender Weg, der uns zum Gipfel bringt.

Alexis feiert das Gipfelerlebnis mit einem Rückwärtssalto aus dem Stand. Im Norden sieht man Engelberg und den Grassengrat. Diese Region ist wirklich spektakulär. Sie bietet so grenzenloses Skivergnügen, dass man selbst an 6 Tagen mit gutem Wetter nicht alles abfahren könnte. Mike verspricht im Gipfelbuch, dass wir irgendwann hierher zurückkehren werden, um die Urner Haute Route doch noch komplett zu gehen. Aber jetzt genießen wir erst einmal die 700-Höhenmeter-Abfahrt zurück zur Hütte!

Fotostrecke: Das beste Skitouren-Equipment

32 Bilder
Foto: Hersteller
Foto: Hersteller
Foto: Hersteller
29.12.2015
Autor: Anthony Bonello
© planetSNOW
Ausgabe 2015/2016/2015/2016