Skigebiete-Test: Freeriden rund um die Olympiastadt Sotschi

Skifahren in Sotschi und Krasnaja Poljana


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Foto: Jimmy Petterson

 

PlanetSNOW Reise Sotschi Krasnaja Poljana
Foto: Rasmus Kaessmann

 

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Winter-Olympia unter Palmen? Wladimir Putin macht’s möglich! Das am Schwarzen Meer gelegene Sotschi ist Gastgeber der XXII. Olympischen Winterspiele. planetSNOW hat die olympischen Skigebiete rund um Krasnaja Poljana einem Vorabtest unterzogen.

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„Es war die beste und die schlimmste Zeit, ein Jahrhundert der Weisheit und des Unsinns, eine Epoche des Glaubens und des Unglaubens, eine Periode des Lichts und der Finsternis: es war der Frühling der Hoffnung und der Winter der Verzweiflung; wir hatten alles, wir hatten nichts vor uns (...)“

Dieser Beginn von Charles Dickens’ Roman „Eine Geschichte aus zwei Städten“ würde wohl auf jeden Ort zu jeder Zeit zutreffen. Gut und Böse arbeiten stetig gegeneinander, Fort- und Rückschritt gehen oft Hand in Hand, und bei großen Sprüngen nach vorne lauert im Schatten meist die Ungerechtigkeit. Dickens’ Roman über London und Paris zur Zeit der Französischen Revolution kam mir sofort in den Sinn, als ich Krasnaja Poljana 6 Jahre nach meinem ersten Besuch im März 2013 ein zweites Mal aufsuchte. Die „2 Städte“ sind hier allerdings 2 Dörfer: Krasnaja und das 10 Kilometer entfernte Rosa Khutor.

Olympiaorte sind normalerweise etablierte Skigebiete wie Chamonix, Innsbruck und Lake Placid oder Städte wie Salt Lake City, Oslo und Nagano, die nah an Skiresorts liegen. Aber als Wladimir Putin das Internationale Olympische Komitee (IOC) 2007 von Sotschi überzeugte, gab es hier nur den Ort Krasnaja Poljana und das Skigebiet Alpika Service mit seinen 5 Liften. Das relativ unbekannte Alpika wurde wegen des radikalen Offpiste-Geländes vor allem von russischen Freeridern frequentiert. Die oberen Hänge sind riesige, lawinenträchtige Bowls, die von gewaltigen Wechten überragt werden. Darunter liegen steile, enge Buchenwälder.

 

PlanetSNOW Reise Sotschi Krasnaja Poljana
Foto: Jimmy Petterson Winter-Olympia in Sotchi.

Erleichtert - alles beim Alten

Krasnaja war ruhig, urig und typisch russisch – ein Bergdorf mit kleinen Privathäusern, einigen Läden und Restaurants sowie holprigen, ungeteerten Straßen. Als ich im Februar 2007 zum ersten Mal hier war, war der Ort erst „Kandidat“ für die Austragung der olympischen Skiwettbewerbe. Offizielle „Candidate City“ war das 45 Autominuten entfernt am Schwarzen Meer gelegene Sotschi. In Krasnaja wurde in Erwartung des Zuschlags schon damals kräftig gebaut. 5 Monate später erfüllte das IOC Putin seinen Traum.

Im März 2013 wollte ich Krasnajas berühmten Powder genießen und sehen, welche Veränderungen sich wegen Olympia in diesem friedlichen Bergdorf vollzogen hatten. Ich fürchtete, den Ort nicht wiederzuerkennen. Glücklicherweise war Krasnaja Poljana noch ebenso charmant und baufällig wie vor 6 Jahren. Wenige Häuser waren abgerissen und durch neue ersetzt worden; außerdem war ein Vorort entstanden. Aber die alten Holzhäuser befanden sich noch im gleichen Zustand wie damals. Die Straßen waren nicht geteert, die Schlaglöcher noch tiefer geworden. Ich war erleichtert – in Krasnaja herrschte noch immer die alte Skibum-Atmosphäre. Auch der Powder war noch da.

Drei neue Skigebiete

Vor 6 Jahren hatte ich ein Zimmer für 15 Euro gemietet. Dieses Mal bekam ich einen etwas größeren Raum für 25 Euro und ein erstklassiges Frühstück sowie einen kräftigen Lunch kostenlos dazu. Ein neues Krankenhaus und Gasleitungen waren gebaut worden. Angeblich sollten sogar die Straßen bald geteert werden. Für die Einheimischen hatte sich einiges verbessert, ohne dass die Atmosphäre des Dorfs zerstört worden war.

Was aber im restlichen Tal geschehen war, war unglaublich. 3 neue Skigebiete – Rosa Khutor, Gazprom Mountain Resort und Gornaja Karusel – waren entstanden. Zwischen Sotschi und Krasnaja waren eine Autobahn und eine Zugstrecke im Bau. Ich sah hier mehr Bagger und Kräne als in meinem ganzen bisherigen Leben.

„Es war die beste und die schlimmste Zeit ...“ Die gute Nachricht lautet, dass die Russen hart an ihrem gewaltigen Vorhaben arbeiteten. Die schlechte Nachricht ist, dass so ein gewaltiges, eilig durchgezogenes Projekt nicht ohne massive Umweltschäden und Verunsicherung der einheimischen Bevölkerung zu realisieren ist. Ein Local befand: „Meine Stadt sieht aus wie ein Kriegsgebiet!“

 

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Foto: Rasmus Kaessmann

„Es war der Frühling der Hoffnung und der Winter der Verzweiflung ...“ In Gesprächen mit Einheimischen hörten wir unzählige Meinungen. „Das ist für die Region eine tolle Sache“, sagte ein Mann nach seinem nachmittäglichen Bad im Schwarzen Meer. „Wir haben wegen der Spiele erst einen Flughafen und jetzt neue Straßen und Schienen bekommen. Davon profitieren alle.“ Andere Russen waren nicht dieser Ansicht. Sie schwammen nicht einmal mehr im Meer, weil die Bauarbeiten das Wasser verschmutzt hatten. Fischer vertraten einhellig die Meinung, dass sie weniger Fische fingen als vor Beginn dieser Verschmutzung. Und die neue Straße? Wenn sie fertiggestellt wird, haben die Einheimischen 6 harte Jahre voller Staus hinter sich.

„Es war eine Periode des Lichts und der Finsternis ...“ In Rosa Khutor fragte ich einige Skifahrer, was sie von dem neuen Gebiet hielten. Alle lobten, dass es größer sei als Alpika. Auch der erfahrene Skilehrer Andrej Rentski freute sich über das zusätzliche Gelände. „Aber Alpika war dafür 2 Winter lang geschlossen, und Rosa war jetzt 2 Monate wegen Testrennen gesperrt. Nach Olympia werden wohl die Freerider die Hänge überschwemmen. Mein kleines Paradies wird nie mehr das gleiche sein. Ehrlich gesagt, war ich früher glücklicher.“

Disneyland für Skifahrer?

„Wir hatten alles, wir hatten nichts vor uns ...“ Einige Bewohner werden in den magischen 2 Wochen im Februar 2014 sicher kräftig Geld durch überteuerte Vermietungen machen. Auch Taxis, Restaurants und Shops können während Olympia profitieren. Viele andere Bewohner werden jedoch nichts verdienen, aber unter gestiegenen Preisen leiden, während ihre Gehälter gleichgeblieben sind.

„Es war eine Epoche des Glaubens und des Unglaubens ...“ Putin ist ein Glaubender. Er träumt von einem Disneyland für Skifahrer und will seiner Bevölkerung beweisen, dass Mütterchen Russland die olympischen Anlagen rechtzeitig fertigstellen und die Welt mit einem sportlichen Spektakel verzaubern wird. Daran glaubt nicht jeder. Eine junge Dame meinte, dass die russische Regierung kurz vor den Spielen sagen werde: „Geht heim – es gibt hier keine Olympischen Spiele!“ Aber genau solche Skeptiker will Putin überzeugen und damit einer Nation den Stolz zurückgeben, den sie nach dem Untergang ihres Reichs verloren hat.

Zuviel oder zuwenig Schnee

Vom Klima her ist Krasnaja Poljana für Winterspiele nicht gut geeignet. Die Nähe zum Schwarzen Meer bringt viele Niederschläge, die südlichen Breitengrade warmes Wetter und damit oft Regen auch im Hochwinter. Als Vorsichtsmaßnahme hortete Rosa Khutor schon im März Schnee für diesen Winter. Selbst bei heftigem Schneefall liefen die Schneekanonen. Der Schneehaufen sollte unter einer Isolationsdecke den Sommer überstehen und eingesetzt werden, falls Mutter Natur bei Olympia nicht kooperieren sollte.

Auf das gegenteilige Szenario – zu viel Schnee – kann man sich allerdings schlecht vorbereiten. Aufgrund der meteorologischen Gegebenheiten der Region ist es jedoch das wahrscheinlichere. Auch während meines Besuchs regnete und schneite es ununterbrochen. In den höheren Hängen hingen die Wolken. Dieses Wetter ist hier nicht unüblich. Was für Powder-Jäger verlockend klingen mag, wäre für Olympia fatal. Bei den Alpin-Events sind harte, ebene Pisten gefragt, und gute Sicht ist für die Rennläufer eine Frage von Leben und Tod.

„Es war ein Jahrhundert der Weisheit und des Unsinns ...“ Um seinen Traum zu verwirklichen, hat Putin einige seiner Oligarchen zu massiven Investments gedrängt. Dem Milliardär Wladimir Potanin gehört das Skigebiet von Rosa Khutor. Er hat für das Projekt bislang 2 Milliarden Dollar ausgegeben. Putins Kumpel Oleg Deripaska ist am Bau des Olympiadorfs und dem Ausbau von Sotschis Flughafen beteiligt. Putins Jugendfreund Arkady Rotenburg ist in die Errichtung von Straßen und einer Gaspipeline involviert.

Berglandschaft für immer verändert

Olympia 2014 soll bisher 38 Milliarden Dollar verschlungen haben, am Ende werden es wohl über 50 Milliarden. Zum Vergleich: Vancouver 2010 kostete je nach Statistik zwischen 3,6 und 6 Milliarden. Aber dort war natürlich schon viel Infrastruktur vorhanden. Bei solchen Summen gehen viele Gerüchte von Korruption und Bestechung um. Oppositionsführer Boris Nemtsov glaubt, dass Milliarden verloren gegangen sind.

Ob Präsident Putin und seine Freunde dieses Spiel am Ende gewinnen werden, ist offen. Werden die Russen künftig nach Krasnaja statt Courchevel oder St. Moritz reisen? Setzt der Rest der Welt Krasnaja auf seine Ski-Landkarte?

4 Fakten sprechen dafür, dass Krasnajas Skigebiete sich tragen können, wenn die Olympiagäste wieder zu Hause sind: Erstens wollen sie nach Olympia erstmals einen gemeinsamen Skipass anbieten. Zweitens ist der Ort so nah an einem internationalen Flughafen wie wenig andere Skigebiete der Welt. Drittens liegen viele Hotels direkt an der Piste. Und schließlich wird Olympia in vielen Skifahrern die Neugier wecken, hier einmal Urlaub zu machen. Aber es spricht auch einiges gegen den Erfolg. Die 4 Skigebiete sind immer noch deutlich kleiner als die großen Resorts der Alpen. Das Gelände ist nicht ideal für Anfänger und mittelgute Skifahrer. Einige Einheimische befürchten, dass die Dienstleistungsmentalität internationalen Ansprüchen nicht gerecht wird. Und ein letztes Argument: Die Grundstückspreise sind seit dem Hoch 2007 nicht gestiegen, sondern spürbar gefallen. All das macht es fraglich, ob sich die Investitionen von Potanin & Co. jemals auszahlen werden.

Mit seinen schindelbedeckten Häusern, Wellblechdächern und ungeteerten Straßen erinnert Krasnaja an den Wilden Westen. Dort verwandelten sich viele Orte, die im Goldrausch entstanden waren, nach dem Kater in Geisterstädte. Vielleicht hat olympisches Gold in Krasnaja einen ähnlichen Effekt. Werden die Skigebiete zu modernen Geisterstädten, wenn die olympische Fackel weitergezogen ist? Ich glaube, dass Krasnaja als altes Bergdorf mit eigener Arbeiterklasse überleben wird. Die Neubauten in Rosa Khutor werden es schwerer haben.

Walt Disney konnte seine Fantasiewelt für Kinder erfolgreich etablieren. Ob Putin mit seinem Winter-Disneyland ähnlichen Erfolg hat, bleibt abzuwarten. Nur eines ist sicher: Die Berglandschaft rund um Sotschi hat er für immer verändert.


Inhaltsverzeichnis

08.01.2014
Autor: Jimmy Petterson
© planetSNOW
Ausgabe 03/2013