Skifahren in St. Moritz

Hochalpine Pisten und Freeride-Hänge

Reise St. Moritz Schweiz Freeride Powder
Foto: Michael Reusse
Das Oberengadin hat weit mehr zu bieten als edle Boutiquen in St. Moritz: Weite, hochalpine Powderhänge, genüssliche Firnabfahrten und vielseitige Pisten.

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Nein, bei St. Moritz und Oberengadin muss man nicht an reiche Russen, an Pferderennen und Champagner denken! Wir denken an Heini Holzer.

Zugegeben, der Extrembergsteiger und Steilwandfahrer war kein gebürtiger Engadiner, sondern ein Südtiroler. Aber er ist hier gestorben: Beim Versuch, die Nordostwand des Piz Roseg (3918 m) – die allgemein als Eiswand mit homogener Steilheit zwischen 50 und 60 Grad beschrieben wird – mit Ski hinabzufahren. Luftlinie also keine 10 Kilometer entfernt vom Piz Corvatsch (3451 m). An dessen Nordwand messen sich die Extremskifahrer heutiger Tage beim Engadin Snow, einem Freeride World Tour Qualifier Stopp.

Nein, natürlich haben wir nicht annähernd Ähnliches vor! Wir genießen weite Hänge, unberührten Pulverschnee und zwischendurch breite, genüssliche oder anspruchsvoll steile Pisten im Oberengadin. Doch dazu später. Viel zu sehr nehmen uns die Gedanken an extremere Skifahrer ein. Immerhin rund 35 Jahre sind vergangen, seit Heini Holzer über 100 Steilwandabfahrten – viele davon Erstbefahrungen – im gesamten Alpenraum absolviert hat.

Weiche Skischuhe und lange, schmale Ski

Zwischen ihm und Freeride-Profis heutiger Tage liegen Welten: Material und Medien haben eine rasante Entwicklung durchgemacht. Die wenigen Schwarz-Weiß-Fotografien, die es von Holzers Steilwandbefahrungen gibt, beeindrucken angesichts der Wildheit des Geländes, der Stoffmütze, der niedrigen, weichen Skischuhe, der langen, schmalen Ski und der filigranen Bindung. Heutzutage wären Heini Holzers Fahrten zigfach auf Youtube veröffentlicht. Damals war das anders: Es gibt nur ein Fotodokument von seiner letzten Abfahrt: Ein Schweizer Bergführeranwärter hatte ein Bild gemacht, als er selbst gerade den Gipfel erreichte. Holzer fuhr die Eiswand hinab und entschwand aus seinem Sichtfeld.Nuot Grass kann sich noch gut an den berüchtigten Steilwandfahrer erinnern. Der Bergführer aus Pontresina war an dem Tag des Unglücks mit einer Gruppe Bergsteiger auf dem Piz Morteratsch. „Natürlich haben wir darüber gesprochen und wussten schon, dass wir die Fahrt von Holzer eventuell beobachten können vom Gipfel aus“, erzählt er. Damals habe es nur zwei oder drei Skifahrer gegeben, die solch abenteuerliche Unternehmungen in den Alpen wagten – entsprechend sorgten diese für Furore. Holzer war schon am Tag zuvor durch die Wand des Piz Roseg zum Gipfel gestiegen, bei idealen Verhältnissen. „Aber es waren so viele Seilschaften unterwegs und die wollte er nicht gefährden, deshalb hat er die Abfahrt um einen Tag verschoben. Da war es aber wärmer“, erinnert sich der Bergführer-Senior .

Umsprung mit Doppelstock
Am 4. Juli 1977 dann wagt Holzer es. „Er fuhr ja eher lange Ski, damals verwendete man dann im steilen Gelände die Technik des Umspringens mit Doppelstock – vielleicht war das auch die Ursache für den Sturz, eben weil er mit dem Stock eingebrochen ist“, meint Nuot Grass. Andere vermuten, dass die – ohnehin nicht ganz zuverlässige Bindung – aufgegangen war. Nuot konnte vom gegenüberliegenden Gipfel beobachten, wie Holzer rutschte, sich wieder fing, dann regelrecht aus der Wand katapultiert wurde. Wir fahren zusammen mit Grass mit der roten Gondel hinauf zur Diavolezza und schauen auf den dreigipfeligen Piz Palü (3901 m). 1972 hat Holzer den rechten Hängegletscher dieser Nordwand erstbefahren, zwei Jahre später die Nordwand des Ostgipfels.

Fotostrecke: Mehr als Luxus und Chichi: Freeriden in St. Moritz

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Reise St. Moritz Schweiz Freeride Powder Foto: Michael Reusse
Reise St. Moritz Schweiz Freeride Powder Foto: Michael Reusse
Reise St. Moritz Schweiz Freeride Powder Foto: Michael Reusse

 

Reise St. Moritz Schweiz Freeride Powder
Foto: Michael Reusse

Wir sind mit Nuot ganz gemütlich unterwegs und segeln nach dem ersten steilen Hang dann mit wenig Neigung rund 10 Kilometer auf dem Morteratsch-Gletscher entlang, umkurven die großen, gut sichtbaren Spalten und genießen vor allem die wunderschöne Szenerie dieser hochalpinen Landschaft. Da haben wir viel Zeit, um zu reden, alte und neue Geschichten zu erzählen. Klar, ein bisschen wilder darf es natürlich auch mal sein, schließlich ist Freeride-Profi Jochen Reiser mit von der Partie. Also gleicher Ausgangspunkt, neue Generation: Marcel Schenk, genannt Maese, nimmt uns mit.

Unverspurte Hänge, erste Spuren
Der Bergführer ist noch keine 30 Jahre alt und Mitglied der Bergschule Pontresina. Wieder gondeln wir die Diavolezza hinauf. Dann queren wir unterm Sas Quedar hinüber, Richtung Piz Trovat. Unsere Investition von Muskelkraft ist überschaubar: Nur rund zehn Minuten stapfen wir den Hang entlang, Felle sind nicht nötig. Ja und dann: Dann öffnet sich uns der riesige Kessel des Val Arlas. Das Problem ist hier keinesfalls ein Stückchen Hang zu finden, das noch unverspurt ist! Die ernste Miene Maeses bestätigt jedoch unsere Vermutung: Hier ist Vorsicht angesagt, es ist kein Spielplatz. „Es hat schon richtig böse Lawinenunfälle gegeben – denn die riesigen Hänge münden in einen schmalen Gully“, schildert er.

Umso glücklicher sind wir, Maese als Local dabei zu haben, seine Erfahrung und Ortskenntnis nutzen zu dürfen. Und so wird es dann doch gleich spielerisch: Der rund 35 Grad steile, weite Hang bietet unendliche Möglichkeiten, die erste Spur zu legen – für alle vier von uns! Und da fühlen wir uns dann doch wieder Heini Holzer nah. Er hat schon recht: Die erste, sichtbare Spur zu legen, untenstehend zurückzublicken und diese zu betrachten – das hat schon einen ganz besonderen Reiz. Naheliegend, dies romantisch oder philosophisch zu betrachten – auch wenn es in unserem Falle keine Steilwand ist. Doch auch die Gegenwart erfordert Aufmerksamkeit: Ein Blick auf das Berninamassiv, die Fahrt durch die wilden Felszacken im enger werdenden Tal, noch ein idealer Hang, der verschneite See, dann ist sie vorbei die 1000-Höhenmeter-Abfahrt. Jetzt stellen wir die Stöcke länger und geben Gas: Entlang der Bahnlinie schieben wir vor zur Talstation. Übrigens steht die Rhätische Bahn in dieser Gegend auf der Welterbeliste der UNESCO. Uns jedenfalls hat der Gedanke daran die Skating-Passage verkürzt.

Zu teuer für Skibums
Maese sitzt danach in der Sonne und grinst: „Das Schöne ist, dass im Val Arlas sogar zwei Wochen nach dem Schneefall noch Platz für neue Spuren ist“, sagt er. Es ist einfach so viel Platz dort. Und: Es gibt im Oberengadin keine Skandinavier, die als Skibums den ganzen Winter mit Freeriden verbringen, so wie in Engelberg oder am Arlberg. Dafür sind die Lebenshaltungskosten rund um St. Moritz einfach doch zu hoch. Stattdessen gibt es Ruhe und Schneesicherheit: Die Bahnen haben lang geöffnet, die Diavolezza sogar durchgehend, bis Dezember. „Den meisten Schnee gibt es im Oberengadin im März und April. Voriges Jahr hat es im April in 3 Wochen 4 Meter Schnee abgelegt“, verrät Maese. Im Frühjahr sind die Verhältnisse deshalb ideal, sagt er: „Die Südseiten sind dann schon firnig, und in den Nordseiten auf 3000 Meter finden wir noch Powder.“ Besonders gern mag er Genua-Tiefs: Denn solche Südstaulagen laden in seiner Heimat die weiße Pracht ab.

All das dient natürlich nicht nur Tiefschneefahrern. Auch die Pisten bieten in den Skigebieten des Oberengadins Genuss und Herausforderungen – mit 350 Pistenkilometern ist es die größte Wintersportregion der Schweiz und unheimlich abwechslungsreich: Vom Familienskigebiet am Pizzet bis zur anspruchsvollen Lagalb. Und für Freerider noch ein Zuckerl der besonderen Art: die Abfahrt hinab nach La Rösa. Nach einem kurzen, etwa 15-minütigen Hike von der Bergstation – in der sich übrigens ein Restaurant mit ganz feiner Küche verbirgt – auf den Gipfel geht es immer gen Süden. Beinahe in Falllinie reiht sich ein Hang an den anderen – alle zwischen 35 und 40 Grad Neigung. Das Sahnehäubchen ist der Blick ins Puschlav, eines der südlichsten Täler der Schweiz. 1200 Höhenmeter lang ist dieser Traum, besonders schön bei Firn. Im April ist außerdem die Rückfahrt mit dem Postauto möglich. Extrem ist an dieser Abfahrt gar nichts – dafür hat sie eine ganz eigene Exklusivität, die nichts mit Pelzmänteln und Champagner zu tun hat – eher mit der eigenen Spur, die wir unverkennbar, ohne Störung durch andere, in den Berg gelegt haben.


Inhaltsverzeichnis

21.10.2013
Autor: Verena Stitzinger
© planetSNOW
Ausgabe 02/2013