Skifahren im Libanon

Auf Ski zwischen Mittelmeer und Bergen


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Ski Skifahren Freeride Libanon Berg Mittelmeer
Foto: Marius Schwager

 

Ski Skifahren Freeride Libanon Berg Mittelmeer
Foto: Marius Schwager

 

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Foto: Marius Schwager

 

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Ski Skifahren Freeride Libanon Berg Mittelmeer
Foto: Marius Schwager
"Schweiz des Nahen Ostens“ wird der Libanon oft genannt. Die Berge sind über 3000 Meter hoch, das Mittelmeer zum Greifen nahe, und die politische Lage ist turbulent.

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Die arabische Sonne knallt, der Schnee verwandelt sich in Bilderbuch-Firn. Ein Snowmobil-Fahrer beobachtet uns beim Start zum 15-minütigen Aufstieg. Taxiservice unter Sportsmännern ist für ihn Ehrensache. Ein prächtiger Zedernwald, dünenartiges Hügelgelände, von Weitem blinzt das Mittelmeer. Ein satter 1000-Höhenmeter-Hang lacht uns an, gleichmäßig eben wie ein Bügelbrett mit einigen optionalen Felsen und Wannen zum Spaßhaben links und rechts der Hauptlinie. Bestes, genussvolles Freeride-Gelände. Es ist unsere letzte Abfahrt nach zwei Wochen Skireise im Libanon. Von Beginn an waren alle offen und herzlich zu uns. Die Menschen hier versprühen eine Herzlichkeit, wie wir es sonst in einer ganzen Skisaison in den Alpen nicht erleben. Die Libanesen lieben es, dass wir ihr Land besuchen, obwohl wir auch zu Hause die Skiberge vor der Türe haben.

Mein Studienfreund Max Forster, Verena Fendl, Teresa Brenner, zwei weitere Wahl-Innsbrucker Studenten sowie der Schweizer Snowboard-Lehrer und Filmer Minos Eigenheer begleiten mich. Wir wollen in eine uns fremde Kultur eintauchen, die Menschen hinter den Medienberichten kennenlernen. Und natürlich unsere Skispuren im arabischen Schnee hinterlassen. Ein Kulturabenteuer mit Ski im Gepäck.

Libanon – ein Land, viele Gesichter
Libanon liegt am östlichen Mittelmeer, nördlich von Israel und umringt von Syrien. Nicht nur wegen seiner laxen Steuergesetze und der liberalen Einstellung wird das Land als „Schweiz des Nahen Ostens“ betitelt. Der Libanon, seine Kultur, Menschen und das Reisen dorthin sind vielschichtig: Party in Beirut-Zentrum, Reisewarnung für die Vororte!

Das Leben in Zentral-Libanon und insbesondere Beirut, der Hauptstadt des Landes, prosperiert. Hier im zentralen Teil des Libanon liegen auch fast alle hohen Gipfel. Direkt vom Mittelmeer ragen Berge bis knapp über 3000 Meter hinauf und bilden die Basis für den Wintersport. Je nach Finanzlage werden vier bis 12 Skigebiete betrieben. Das größte und modernste Resort des Landes ist Mzaar-Kfardebian. Es liegt nur 45 Autominuten vom Stadtkern Beiruts und dem Mittelmeer entfernt. Die Saison reicht vom Dezember bis meist in den April. Morgens Ski fahren, nachmittags im angenehm temperierten Mittelmeer planschen – das ist hier so einfach wie wohl nirgends sonst. Sehen und gesehen werden ist das Motto für die meisten Wintersportaspiranten. Der wohl exklusivste Parkplatz der Region ist der im Skigebiet.

 

Ski Skifahren Freeride Libanon Berg Mittelmeer
Foto: Marius Schwager Auf Freeride-Ski im Libanon: neue Aussichten.

„Lebe so, als wäre es dein letzter Tag!“

In den Bergen regnet es zwei Tage ununterbrochen. Wir tauchen ein ins Beiruter Nachtleben. Die Frauen sind in enge Kleider und High Heels gezwängt. Mit unseren neuen Bekanntschaften feiern wir über den Dächern Beiruts auf Privatpartys oder streunen durch die vielen kleinen Clubs und Bars. Ausgehen in Beirut ist – und das ist das Erstaunliche für uns – nicht anders als in Berlin. Der einzige Unterschied: Die Partymeute ist etwas besser angezogen und kontaktfreudiger.

Die Menschen im Libanon lieben es extrovertiert. Sie leben schnell und feiern exzessiv. „Lebe so, als wäre es dein letzter Tag!“, ist bei vielen das Lebensmotto. Diese Einstellung hat Geschichte und Hintergrund. Seit dem Altertum spielten den Libanon einbeziehende Königreiche und Handelsrepubliken eine bedeutende Rolle in Vorderasien und dem östlichen Mittelmeer – Tausende Jahre mit zahllosen Kriegen und Besatzungen verschiedenster Herrschaften. Die konfessionelle Verteilung der Bevölkerung bildet bis heute die Basis der Machtteilung des libanesischen Politiksystems. Der Libanon ist wirtschaftliches Ballungszentrum und politisches Pulverfass in einem.

Immer wieder entladen sich die Spannungen in kriegerischen Auseinandersetzungen. Die ethnische Vielfalt und Zersplitterung ist oft Ursache für die Konflikte. Die politischen Spaltungszonen ziehen sich, geografisch zersplittert, entlang und innerhalb ethnischer Grenzen. Im Norden und Westen wütet seit 2011 der syrische Bürgerkrieg und greift teilweise auf Gebiete des Libanon über. Zehntausende syrische Kriegsflüchtlinge versuchen, die Kriegsdauer im Libanon zu überstehen. Im Süden des Landes regiert die Hisbollah-Miliz, der unberechenbare, verlängerte Arm der iranischen Diktatur.

 

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Foto: Marius Schwager Sehen und gesehen werden ist das Motto.

Bomben in Beirut, Skifreude am Berg

Eisiger Panzerschnee. Wir warten am zweiten Skitag, bis es auffirnt, und erkunden bis dahin das Skigebiet von Mzaar. „You are not from Lebanon!“, schreit es aus dem Lift. Mit unserer bunten Funktionskleidung und dem sicher-lockeren Umherschwingen fallen wir in der illustren Gesellschaft deutlich auf. Eine Gruppe junger Snowboarder hat uns entdeckt. Mit ihrer offenen, herzlichen Art begeistern uns Ali, Ziad, Lubna und ihre Crew beim gemeinsamen Cruisen. Die Gruppe sticht durch ihren sicheren Fahrstil und die modernen westlichen Snowboard-Outfits aus der Menge heraus: lässig weiter Schnitt und bunte Knallfarben. Die meisten Gäste des Skigebiets fallen ansonsten eher in Jeans und 80er-Jahre-Leihausrüstung den Hang hinunter. Ein anderer Teil sonnt sich in den neuesten Gucci- und Prada-Outfits. Wir werden herzlich empfangen, Konkurrenz um First Lines existiert hier nicht.

Später, wenn die Sonne den Schnee aufgefirnt hat, müssen wir unbedingt mit ihnen ihren Signature Run fahren, wünschen sich Ali & Co. Außer ihnen fährt hier sonst niemand regelmäßig. Vom höchsten Punkt des Skigebiets, dem Dome du Mzaar (2465 Meter), führen einladende Flanken hinab, ideal für anspruchsvolles Freeriden.

Es ist ein perfekter Run, High-Fives machen die Runde. Die Stimmung ist ausgelassen, das Grinsen jedem Einzelnen wie ins Gesicht gemeißelt. Wir machen ein Gruppenbild mit unseren neuen Freunden. Den Hintergrund bildet eine Hausruine mit zahlreichen Einschusslöchern. Das Nachbargebäude auf der anderen Straßenseite ist vom Munitionshagel komplett zersiebt.

Après-Bier in der libanesischen Skibum-Wohnung. Geschichten von Ski-Abenteuern rund um den Globus werden ausgetauscht. Freeriden, im Krieg zerschossene Dörfer, Luxusvillen – wir haben noch gar nicht verstanden, was wir gerade gesehen haben. „Vor den Kriegen war ein privates Skigebiet in Planung“, erklärt uns die Gruppe. „Es ist dann während des Baus zwischen die Fronten geraten.“ Ein Stück weiter talauswärts in Faqra gelinge dagegen das Projekt „Gated Luxus-Community mit Skigebiets-Option“ aktuell scheinbar. Die Berge sollen Sicherheit vor den möglichen Unruhen im Beiruter Becken bieten. Skivergnügen inklusive. Wir schauen verdutzt. „Ski fahren im Krieg also?“, fragen wir Ali. „Ja!“ Dies sei im Libanon nichts Besonderes. Auch sein Vater habe während der Kriege in Mzaar auf den Skipisten am optimalen Schwung gefeilt. Bomben in Beirut, Skifreude am Berg. Wir müssen weiter. „Genießt euer Leben heute, so wie es ist!“, gibt uns Ali mit auf den Weg. „Das ist Libanon!“

Die Zedern Gottes und das Heilige Tal

Etwa 1,5 Autostunden nördlich von Beirut befindet sich das höchstgelegene Skigebiet des Libanon. „The Cedars“ liegt in einem großen Bergkessel am Talende, eingerahmt von zwei Hochplateaus, auf denen die höchsten hügelartigen Erhebungen des Landes gerade so die 3000-Meter-Marke knacken. Die namensgebenden Zedern sind das Wahrzeichen Libanons. Zu antiken Zeiten waren sie begehrte Tauschgrundlage zwischen den Hochkulturen der Assyrer, Perser, Phönizier, Ägypter und Römer. Natürliche Höhlen im tief eingeschnitten Quadisha-Tal boten hier den ersten Christen Schutz vor religiösen Säuberungen.

Auf rund 1500 Meter öffnet sich das Tal. zwei Sessel- und zwei Schlepplifte erschließen zwischen 2000 und knapp 2800 Meter einen sich aufsteilenden Hang. Mit 3088 Metern ist der Qurnat as-Sauda der höchste Berg des Libanon. Ab der Liftstation ist er mit einer zweistündigen Wanderung zu erreichen. Niederschlag hat die Gebirgsregion im zentralen Libanon im Winter mehr als ausreichend, Schnee ebenso. Wirklichen Pulverschnee findet man aber selten. Oft peitscht der Wind vom Mittelmeer orkanartig über die hügelartige Hochlandschaft. Mit der Kraft der hochstehenden Sonne finden Freerider hier genussvolle Firnhänge.

Auf der anderen Talseite lacht uns ein Hang an. Etwa 800 Höhenmeter mächtig, das obere Drittel steil und felsdurchsetzt, nach unten hin zu einigen Dörfern flach auslaufend. Vom Skigebiets-Parkplatz ab ziehen wir die Felle auf und steigen entlang einer überschneiten Passstraße zu einem Joch auf. In einem weiten Halbkreis zieht sich der Aufstieg schließlich auf einem flachen Rücken entlang. Die Bergkette in der Ferne markiert die Grenze zu Syrien.

 

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Foto: Marius Schwager Leckere Mezze in familiärer Unterkunft.

Crème brulée zum romantischen Sonnenuntergang

Die Distanzen sind in dem schneedünenartigen Hügelland nur sehr schwer einschätzbar. Aus den geplanten zwei werden acht Stunden Wanderung. Zum Sonnenuntergang erreichen wir schließlich unseren Einfahrtspunkt. Das Licht könnte romantischer nicht sein. Der Schnee im Hang verlangt dagegen volle Konzentration von uns. Das obere, 45 Grad steile Stück rattern wir auf einer überfrorenen Eiskruste wie auf Eiern hinunter. Später geht die Misere dann fließend in eine Art Crème brulée über – echter Knochenbrecherschnee.

Dank der ausgedehnten Sunset-Fotosession leuchtet uns nur noch der Vollmond den Weg. Über Weinplantagen mit zahllosen Mauern und Umwegen sowie kleine Canyons treffen wir endlich auf eine Straße und ein fast unbewohntes Bergdorf. In einem Haus brennt Licht, wir klingeln. Wir müssen herausfinden, wo wir sind, damit uns ein Taxi zurück ins Hostel bringen kann. Ein verdutzter älterer Herr öffnet die Tür. Auf unserer Seite der Schwelle bunte Outdoor-Bekleidung, Freeride-Ski, Helm, Skibrille – das Übliche also für uns alpine Mitteleuropäer. Auf der anderen Seite ein libanesischer Bergbauer, barfuß und in Feinrippunterhemd. Eine für beide Seiten verwunderliche Situation, die erst einmal verarbeitet werden will.

Aber die gegenseitige Verblüffung ist schnell überwunden.? Klar, das Taxi rufe man uns gerne hierher. Aber erst, nachdem unsere Gruppe sich zur Familie gesetzt und etwas getrunken habe. Die überschwängliche Gastfreundschaft und Lebensfreude überrollen uns. In der Mitte des einzigen beheizten Raums steht ein Ofen. Darum herum betagte Klappsofas, die hastig in Sitzmodus gebracht werden. Rote Perserteppiche am Boden, kahle unverputzte Wände. Hinten wird auf dem gasbetriebenen Herd in Windeseile ein arabischer Kaffee aufgesetzt. Das Aroma füllt den Raum. Wir erzählen unsere ganze Geschichte – was wir hier machen, noch dazu um diese Uhrzeit, in dieser Kälte.

Im Hostel erwartet uns Antoinette, die liebenswerte Seele der familiären Unterkunft. Sie hat uns ein libanesisches Abendessen zubereitet. Eine reiche Auswahl an „Mezze“, typisch arabischen kleinen Gerichten, liegt vor uns. Gefülltes Obst und Gemüse, Eintopf mit Fleisch und Kartoffeln, klassische Falafel, Hummus und Tabouleh, zwei Brotaufstriche, dazu arabisches Brot. Ein ebenso reichhaltiges wie vielfältiges Geschmackserlebnis. Schlappe 6 US-Dollar pro Person kostet das gesamte, von Hand zubereitete Abendessen. Wie lange sie für die Zubereitung gebraucht habe, frage ich Antoinette. „The whole day!“, antwortet sie.

Das Pulverfass im Pulverschnee

Zurück zu Hause ist die alpine Frühlings-Skisaison in vollem Gange. Ich sortiere einige Bilder unserer Reise. Der Newsticker der Onlinezeitung blinkt auf: „Libanon: Raketenexplosionen in Beirut.“ Ich kontaktiere einen Freund in der libanesischen Metropole. Er beruhigt mich, „Alles in Ordnung“, die Bomben seien in einem der Vororte Beiruts explodiert. „Macht euch nicht so viele Gedanken. Genießt euer Leben und kommt nächste Saison auf jeden Fall wieder zum Skifahren!“

Erneut zeigt sich, dass das Gleichgewicht des Zusammenlebens im Libanon höchst labil ist. Der politisch-religiöse Druck ist gespannt wie bei einem Bogen. Demgegenüber stehen Toleranz und gegenseitiger Respekt. Libanesischer Sanftmut und Lebensfreude machen sogar das scheinbar Unmögliche möglich: Ski fahren im Krieg, Ausdruck der einzigartigen Lebenseinstellung der Libanesen. Party in der Stadt und auf den Skipisten, Bomben und Terror in greifbarer Nähe. Ein libanesisches Sprichwort sagt: „Betrachte die Welt, als würdest du für immer leben, und für dein Ende, lebe so, als würdest du morgen sterben.“


Inhaltsverzeichnis

22.10.2013
Autor: Marius Schwager
© planetSNOW
Ausgabe 02/2013