Reportage: Freerider auf der Jagd nach Tiefdruckgebieten

Das perfekte Unwetter für den perfekten Freeride

Tiefdruckgebiete bringen Schnee. Oft so viel davon, dass der Grat zwischen offenem und geschlossenem Skigebiet schmal ist. Das müssen Skifahrer und Powder-Fans auf der Jagd nach dem perfekten Tief beachten.

 

Tiefschnee Powder Freerider
Foto: Michael Neumann Freerider-Traum: Powder unter dem Ski.

Kawumm! Dieses trockene und trotzdem durch Mark und Bein gehende Rumsen frühmorgens oben am Berg, während man selbst noch in Laufweite zum Lift im warmen Hotelbett liegt, zählt zu den vielversprechendsten Geräuschen im Leben eines Powder-Junkies.

Wehe dem Frevler, der es schafft, anschließend wieder eine Mütze Schlaf zu finden! Stattdessen gilt es, noch im Dunkeln das Frühstücksbüfett auf Nahrhaftes und Anhaltendes zu inspizieren. Nicht, dass schon am Mittag der Akku leer ist und man eine Strafrunde im Gipfelrestaurant drehen muss. Anschließend heißt es, die Ausrüstung auf Vollständigkeit zu checken. Piepser mit frischen Batterien, Sonde und Schaufel gehören zum Pflichtprogramm. Dann gilt es, sich rechtzeitig zum noch geschlossenen Lift zu begeben, um ja nicht das Vergnügen zu verpassen, im ersten Sessel nach oben zu schweben und schließlich direkt darunter eine saubere Straightline zu ziehen.

In manchen Skigebieten genügt es, sich wenige Minuten vor Betriebsbeginn der Bergbahnen anzustellen. Andernorts muss man auch schon mal 60 Minuten und mehr einplanen. Einst gehörte auch St. Anton am Arlberg, unser momentaner Aufenthaltsort, dieser Kategorie an. Doch seit die neue Galzigbahn die Skifahrer deutlich schneller nach oben befördert, ist es wesentlich weniger stressig.

Lawinengefahr nicht unterschätzen

Steht man nun pünktlich an der Bahn, und oben macht es weiterhin „Kawumm“, kann man die Aufwärmgymnastik vorerst sein lassen. Aller Voraussicht nach misstraut die Lawinenkommission ihrem eigenen Braten und muss – jetzt bei Tageslicht – nachbessern. So ist es auch heute bei uns. Tief „Andrea“ hat ganze Arbeit geleistet und die Hänge von St. Anton tief eingeschneit. Nun gilt es, ein kleines Café in Sichtweite der Bahn zu finden, um stets auf dem Laufenden zu sein, wenn sich etwas tut. Zwar könnte man auch die Liftboys fragen, was Sache ist. Doch auf die Auskunft: „Bahn startet in zwei Stunden, legt euch wieder hin“, warte ich noch heute. Meist vernimmt man nur ein mürrisches Grummeln, dessen Essenz wohl „Nichts Genaues weiß man nicht“ bedeuten soll. Macht aber auch nichts, zumindest wenn die Sicht – wie heute – doch nicht das hält, was der Wetterbericht versprach. Oben hängt alles in Wolken. Die Liftler werden daher später nur das Minimalprogramm an Bahnen aufmachen, das es braucht, um eine Meuterei zu verhindern. Während man im Café hockt, sollte man den Skigebietsplan genau studieren und nach Waldabfahrten absuchen. Bei einem Schneegestöber bietet jeder Strauch eine willkommene Orientierungshilfe. Gratulation demjenigen, der als Erster die ausgeholzte Fichtenschneise findet, auf welche die Baumstümpfe eine Pillow-Linie gezaubert haben.

Bei viel Schnee und wenig Sicht lautet die erste Regel des „Stormchasers“, des Tiefdruckgebiets-Jägers: Wähle nur Skigebiete, die du kennst. Am Galzig hier in St. Anton etwa führt der versteckte Einstieg in die waldigen Variantenabfahrten über eine offene Fläche, die links in senkrechte Tobel abbricht, rechts aber einen ungefährlichen Durchschlupf bietet. Dem Spurenfresser, der im Whiteout blindlings hinterherfährt und falsch abbiegt, droht nichts Geringeres als der Weiße Tod.

 

Tiefschnee Freerider Freeski
Foto: Michael Neumann Erst die Lawinengefahr abschätzen, dann geht's im frischen Tiefschnee die Hänge runter.

Powder-Traum von unverspurten Hängen

Uns Gebietskundigen dagegen droht nur die Gefahr, dass sich angesichts der unverspurten Schneemassen das Dauergrinsen für immer ins Gesicht brennt. Nach der ersten Erkundungstour, bei der wir die Lawinengefahr abschätzen und für gering erachten, spulen wir Runde um Runde ab. Der Schnee ist vom Feinsten. Er staubt meterhoch. Wer hier die Übersicht bewahren will, sollte schnell sein und sparsam schwingen. Sonst holt ihn die Wolke ein, und er sieht die Hand vor Augen nicht mehr.

Bei aller Euphorie aber bitte nicht Regel Nummer zwei vergessen: „Immer wissen, wo die anderen sind.“ Das Minimum sind regelmäßige Treffpunkte alle 100 Höhenmeter. Besser noch ist es, immer zu zweit in Sichtweite nebeneinander durch das Unterholz zu cruisen, denn sollte jemand mangels Sicht oder wegen eines Fahrfehlers einen Baum mit einer Schneise verwechseln, ist schnell Schluss mit lustig. Ähnlich fatal sind sogenannte „Treeholes“, wie es sie besonders in Nordamerika, aber auch in den Alpen gibt: metertiefe Löcher rund um Baumstämme, die von der untersten Reihe Tannenzweige verdeckt werden. Stürzt man hier kopfüber hinein, fehlt der Spielraum, sich zu befreien, und der nachrutschende Schnee macht die Sache nicht besser.

Nach getaner Arbeit und einem nach allen Regeln der Kunst zerpflügten Hang stellen wir uns am Abend die Gretchenfrage aller Stormchaser: Morgen noch einmal hier Ski fahren oder lieber weiterziehen? Denn ohne die Grundvoraussetzung der totalen Mobilität kann die Powder-Ausbeute nicht maximiert werden.

 

Wetter Tiefschnee St. Anton
Foto: Michael Neumann Gewusst wo: Der richtige Wetterbericht ist für Freerider auf der Suche nach dem perfekten Powder entscheidend.

Internetsuche nach dem perfekten Freeride-Wetter

Hier am Arlberg waren die üblichen Verdächtigen sicher gewohnt fleißig. Für den morgigen Tag versprechen wir uns daher bei gleichbleibender Lawinensituation nur noch wenig. Dafür lockt ein Zwischenhoch, das von Westen reindrücken soll, westwärts Richtung Montafon. „Je näher am Rheintal, desto mehr Sonne“, weiß der stets erstaunlich exakte Wetterdienst des ORF.

Wieder bemühen wir das Internet-Orakel. In einem Forum finden wir die gewünschte Info. Gargellen, das in den letzten Tagen aufgrund der gesperrten Stichstraße von der Außenwelt abgeschnitten war, soll morgen wieder erreichbar sein. Also schnell die Pferde satteln, und ab durch den Arlbergtunnel – der Pass ist ebenfalls gesperrt – nach St. Anton. Dieser Ort heißt wie sein weltberühmter Vetter, liegt aber am Eingang in das Montafon und ist somit idealer Ausgangspunkt, um die dortigen Skigebiete auszukundschaften.

Schon die komplett schneebedeckte Straße hoch nach Gargellen verspricht Außergewöhnliches. 3 Tage lang war das kleine Bergdorf von der Außenwelt völlig abgeschnitten. Kein Gast kam rein, keiner raus. Und keiner hoch, denn die Liftanlagen waren aufgrund der Lawinengefahr ebenfalls geschlossen.

 

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Foto: Michael Neumann Nur Tierspuren machen dem frischen Skispuren Konkurrenz.

Gute Sicht, trotzdem kein Risiko

Keine Wolke ist mehr am Himmel. Über Nacht hat das Zwischenhoch das Firmament blank geputzt. Die Sonne scheint, was das Zeug hält, schafft es jedoch Anfang Januar noch nicht, dem Schnee etwas anzuhaben. Noch dazu ist es lausekalt – beim Umziehen auf dem Parkplatz zeigt das Thermometer im Auto sportliche minus 18 Grad.

Oben angekommen, lassen wir uns von der guten Sicht zu nichts verleiten – erst einmal schauen wir, wie der Schnee hält. Bei diesen Mengen würden sich selbst kleinräumige Rutsche nach wenigen Metern zu todbringenden Massen summieren. Daher sind auch kurze, steile Hänge absolut tabu. An Tagen wie diesen braucht es aber gar kein Risiko, um maximal Spaß zu haben. Besser auf der Piste ordentlich angasen, dann mit 80 Sachen in flachere Powder-Hänge rauschen und schauen, dass man dort nicht verhungert. Zwar wagen wir uns im Tagesverlauf immer weiter in den offenen Skiraum hinaus, haben dabei aber immer das Gelände vor uns und über uns im Auge. Mag sein, dass der Hang selbst sicher ist – doch was, wenn es über uns zu Selbstauslösungen kommt? Und morgen ist schließlich auch noch ein Tag.

Tourenaufstieg zur Abfahrt

Und was für einer. Das Zwischenhoch ist noch da, und der windfrei gefallene Schnee hatte eine weitere kalte Nacht, um sich zu setzen. Zeit, die Felle unterzuschnallen und die Beine in die Hand zu nehmen. Im Talkessel unter der Madrisa, dem markanten Bergwahrzeichen Gargellens, lockt im Westen eine nicht weniger beeindruckende Bergflanke, deren Zeichnung und Fahrbarkeit Vergleiche mit den Gipfeln Alaskas erlaubt. Allein an Höhenmetern mangelt es. Aber dafür braucht man auch keinen Heli. Tourenbindung und etwas Kondition reichen.

Beim Aufstieg im flachsten Teil des Hangs bekommen wir ein Gefühl für die Stabilität der Schneedecke und können auch die geplante Abfahrtsroute schon gut inspizieren. Es ist für jeden etwas dabei: Spines, Cliffs, weite Flächen für lange Schwünge, rollende Geländekanten mit Blick ins Nichts – und eine durchgehend 35 Grad steile Wanne für den Rückweg des Fotografen. Einziges Manko ist die weiterhin klirrend kalte Luft, in der sich Eiskristalle bilden, die nebelartig durch die Gegend wabern. Auch die Sicht ist nicht optimal: Mal ist der Hang komplett einsehbar, mal verschwindet er wie unter einem weißen Tischtuch. Dann flachen die Konturen derart aus, dass keine Orientierung mehr möglich ist. Doch am Ende findet jeder sein Wetterfenster, kann eine flüssige Spur in den Hang ziehen und nach dem Abschwingen, ergriffen von der Makellosigkeit der eigenen Spur, zurückblicken.

Nach 3 Tagen im Powder-Vollrausch rufen zu Hause die Verpflichtungen. Sicher, es gäbe auch weiterhin viel zu tun, doch zum einen brauchen die Wadln erst einmal eine kleine Pause, und zum anderen ist das dritte große Tiefdrucksystem des Januar bereits auf dem Weg vom Nordmeer Richtung Nordweststaulage.

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Inhaltsverzeichnis

05.12.2012
Autor: Michael Neumann
© planetSNOW
Ausgabe 02, 02/2012, 2013