Reisetipp Schweiz: Freeriden in Haldigrat

Auf Freeride-Ski im verrücktesten Skigebiet der Welt


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Schweiz, Haldigrat, Freeride, Ski
Foto: Kurt Pohl

 

Schweiz, Haldigrat, Freeride, Ski
Foto: Marius Schwager

 

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Foto: Marius Schwager

 

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Foto: Kurt Pohl

 

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Foto: Kurt Pohl
Klar, es gibt kleinere und größere, höher und tiefer gelegene und mehr oder weniger volle Skigebiete. Aber der Lift- und Pistenstandard ist heute überall recht hoch. Drum herum ist viel geboten, und bei Neuschnee kann man vielerorts gut powdern. Wer jedoch zum Haldigrat fährt, der reist in eine andere Welt. Dort ist alles ganz anders.

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Die Schweiz ist vollgestopft mit Bergen und Skiliften – egal woher man kommt, man ist nie weit von einem Skigebiet entfernt. Klar, dass es bei diesen enormen Möglichkeiten ein paar Superstars gibt, in denen sich seit über 100 Jahren Skifahrer tummeln und deren legendäre Namen selbst Nicht-Skifahrern vertraut sind: St. Moritz, Zermatt, Davos, Verbier, Gstaad, Grindelwald, Mürren und Wengen. Rund um die Superstars findet man viele exzellente Skigebiete, die ebenfalls in der ersten Liga kicken, wie Engelberg, Andermatt, Flims, Laax, Arosa und Lenzerheide.

 

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Foto: Kurt Pohl

Einmaliges Skigebiet

Dann gibt es eine lange Liste mit Ersatzspielern wie Disentis, Lötschental und Val d’Anniviers. Diese Skigebiete sind groß, vielseitig und besser als die besten Skigebiete in 90 Prozent der Länder weltweit. In der Schweiz spielen sie allerdings nur die zweite Geige. Noch weiter unten auf der Liste gibt es eine weitere Kategorie: die „Einheimischen-Skigebiete“. Das sind Orte, die fast ausschließlich von Leuten besucht werden, die in der allernächsten Umgebung dieser Skigebiete leben. Allerdings findet man auch unter diesen Gebieten echte Perlen mit Abfahrten und Schneebedingungen, die jedem Skifahrer ein Lächeln ins Gesicht zaubern, mit Skipasspreisen unter dem üblichen Schweizer Niveau und – an manchen Wochentagen – fast menschenleeren Pisten. Dazu gehören Monte Tamaro, Elm, Kandersteg und Savognin.

Und es gibt noch ein Skigebiet, das zu klein und zu einmalig ist, um kategorisiert zu werden. Es ist wahrscheinlich das seltsamste Skigebiet der Welt – und doch liegt es nur ein paar Kilometer südlich von Luzern und einen Steinwurf von Engelberg entfernt: Haldigrat. Die 25-Personen-Gondel mit dem Namen Dallenwil-Niederrickenbach gibt es schon seit über 100 Jahren. Sie wurde nicht als Skilift gebaut, sondern als Zugang zu dem Wallfahrtsort und Klosterdorf Maria-Rickenbach. Mein Freund Rupert Scheiner und ich besteigen die Luftseilbahn zusammen mit füng Schneeschuhgehern und einem Paraglider, aber keinen anderen Skifahrern. Aus der Infobroschüre erfährt man, dass ein alter, separat betriebener Doppelsessellift von der Bergstation aus in etwa 20 Minuten zu erreichen ist – ziemlich ungewöhnlich für ein Skigebiet des 21. Jahrhunderts. Wir laufen am Kloster, ein paar anderen Gebäuden und der Kirche vorbei. Wir stapfen die Straße entlang, vorbei an seltsamen, vereinzelten Bauernhäusern. Nach einer Weile führt die Straße in einen Wald. Wir stellen schnell fest, dass die Spur nicht von jemandem mit Skischuhen an den Füßen und schweren Brettern auf der Schulter getreten wurde. So dauert es eben 35 Minuten.

 

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Foto: Kurt Pohl

Bei Anruf Lift

Wenigstens stoßen wir wirklich auf einen Lift. Allerdings hängen dessen Sessel bewegungslos in der Luft. Weit und breit ist keine Menschenseele zu sehen. Ein auf den Holzboden des Lifthäuschens gemaltes Schild eröffnet uns, dass die Förderkapazität um 90 Prozent reduziert wurde. Die 0 bei „550 Personen pro Stunde“ ist durchgestrichen. Willkommen am Haldigrat! Während wir über die Situation nachdenken, landet ein junger Mann mit seinem Paraglider. Er benutzt das an der Wand hängende Telefon, wechselt ein paar Worte, und der Lift setzt sich langsam in Bewegung. An dem langen, leeren Kabel hängen nur drei Sessel und ein Transportlift. Der junge Mann packt seinen Paraglider in den Transportlift und setzt sich in den ersten Sessel. Schnell klettern wir in den nächsten. Sobald die Lifte die Station verlassen, schaltet der Lift in den vierten Gang, und wir schweben mit normaler Geschwindigkeit nach oben.

Unter dem Lift tauchen drei Snowboarder auf. Wenig später, nach der Hälfte der 707 Höhenmeter, fährt am nach unten führenden Kabel eine weitere Sesselgruppe an uns vorbei. Der Lift fällt wieder in ein Schneckentempo – wohl weil jetzt die Snowboarder unten einsteigen. Aha, am Haldigrat gibt es also vier solcher Sesselgruppen – an einem ansonsten leeren Kabel! Am Gipfel werden wir von Kurt Mathis begrüßt, dem stolzen und verschrobenen Besitzer der Haldigrat-Bahn. Er sieht aus wie ein Schweizer Bergfex: Kompakt, drahtig, bärtig und mit einem Blitzen in den Augen. Er erklärt uns, dass die Benutzung des Lifts mindestens 20 sFr. koste – was für zwei Abfahrten reiche. Jede weitere Fahrt koste 5 sFr. extra. Mathis schreibt unsere Namen auf – und dass wir schon eine Fahrt gemacht haben.

 

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Foto: Jimmy Petterson

Skigebiet als Hobby

Das Skigebiet am Haldigrat hat nie mehr als einen Lift besessen, wurde früher aber konventioneller betrieben – bis 1990 der Besitzer wechselte. Drei Jahre später ging er pleite, und der Liftbetrieb wurde eingestellt. 2001 kauften Kurt und seine Frau Antoinette den Lift und starteten ihre eigene, spezielle Version eines Skigebiets. Zuerst dachte ich, dass der Lift irgendwie von der Schweizer Sicherheitskommission auf diesen reduzierten Betrieb zurückgeschraubt wurde. Unser Gastgeber erklärt uns jedoch in seinem fast unverständlichen Schweizer Dialekt, dass es eine rein ökonomische Entscheidung war: „Ich habe einen Full-time-Job. Zusammen mit meinem Partner Peter und meinem Sohn besitze ich ein Verputz-Unternehmen mit 12 Mitarbeitern. Ich habe wirklich nur am Wochenende Zeit für dieses Skigebiet.“ Das Schweizer Gesetz bestimmt, dass ein Skigebiet mit normalem Betrieb nur von einem professionellen Skigebietsmanager betrieben werden darf. „Das würde mich viel zu viel kosten“, sagte Kurt, „Haldigrat ist nur ökonomisch, wenn das Personal sich auf mich und meine Frau beschränkt – Antoinette macht das Restaurant, ich den Lift.“

„Das ist mein Hobby“, erzählt Kurt weiter. „Ich liebe die Berge und diesen Ort, und ich will nichts daran verdienen. Jeden Rappen, den ich einnehme, stecke ich wieder in das Gebiet.“ Kurt hat jedenfalls guten Grund, das Gebiet zu lieben: Rupert und ich fahren zu dem Rücken unter dem Lift, checken die Lage und bewundern die Aussicht auf die idyllischen Dörfer und den von zartem Frühlingsgrün umrahmten Luzerner See. Das Gebiet ist ein Traum für Powder-Jäger: Die langen, ziemlich steilen Hänge sind nordseitig ausgerichtet – mit leichten Einschlägen nach Ost und West. Es gibt eine Vielzahl an Rücken, Mulden, Rinnen und Kesseln. Es bietet Felsen und Cliffs, offene Hänge und Tree-Runs durch lichte Waldstücke. Oberhalb des Lifts eröffnet sich ein schönes Tourengebiet zum Gipfel des Brisen (2404 m).

 

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Foto: Kurt Pohl

Haldigrat hat sich rumgesprochen

Heute ist allerdings kein Powdertag. Es ist März und warm, die Vögel zwitschern, und im unteren Teil der Abfahrten bricht der Schnee oft ein. Nach der ersten Abfahrt treffen wir Markus Schönbächler, einen Local, der Haldigrat fast genauso sehr liebt wie Kurt. Markus erzählt uns, dass er seit 35 Jahren hierherkommt und einen Rekord von 19 Abfahrten pro Tag hält. „Das ist nicht so leicht zu schaffen“, erklärt Markus. „Als Kurt Haldigrat vor zehn Jahren übernommen hat, waren selbst an guten Powder-Days kaum Leute unterwegs. Mittlerweile hat sich die Sache unter den lokalen Freeridern rumgesprochen. An einem sonnigen Neuschneetag kann es passieren, dass 130 Skifahrer hier oben sind. Da könnt ihr euch ausrechnen, wie lange man am Lift wartet, wenn nur 55 Personen pro Stunde transportiert werden können.“

„19 Runs sind bei diesem Preissystem ein ziemlich teurer Spaß“, sage ich. „Kann sein“, antwortet unser neuer Freund, „aber es sind 13 500 Höhenmeter Powderskiing. Beim Heliskifahren in Kanada komme ich selten auf diese Menge, und es kostet wesentlich mehr! Mir nach, Jungs, ich zeige euch, warum ich dieses Gebiet so liebe!“ Prompt traversiert Markus nach Westen auf die Rückseite des Bergs und führt uns zu einem wunderschönen, zirka 35 Grad steilen Nordhang, der nach unten hin flacher wird und auf einer Forststraße endet, die zum Lift zurückführt. Und der Schnee lässt sich ohne einzubrechen bis nach unten fahren.

Unterwegs weist uns Markus auf eine andere Abfahrt hin: „Wenn man hier herunterfährt, kommt man zu einem Hof mit einem alten Transportlift. Damit lässt der Bauer Skifahrer ins Tal fahren. Von dort aus kann man mit dem Taxi zurück zur Gondel fahren.“ Wir werden neugierig, aber der Schnee auf dieser Seite ist schon zu weich. Dafür zeigt uns Markus eine Abfahrt mit dem Namen „Blue Run“, einen steilen Osthang, der alles andere als „blau“ ist. Unten am Lift klettert Markus zu ein paar Snowboards in einen der Transportlifte. „Die dürfen wegen der geringen Anzahl der Sessel mitbenutzt werden“, erklärt er uns.

 

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Foto: Kurt Pohl

Alles ist möglich, nichts ist sicher

Später leisten wir Markus, seiner Frau Frennie und seinem Hund Timmy auf der Veranda Gesellschaft. Ich habe bei hervorragenden Käsewürstchen und Bier die Chance, mich noch einmal mit Kurt zu unterhalten. Kurt ist halb Visionär, halb Irrer – aber das ist wohl so mit Visionären. „Öffnest du manchmal auch an Wochentagen?“, frage ich ihn. „Nicht oft“, antwortet Kurt, „aber wenn ich bei Neuschnee und gutem Wetter genügend Anrufe bekomme, öffne ich möglicherweise. Es kann auch passieren, dass jemand den Lift für eine private Gruppe mieten möchte. Wenn sie angemessen zahlen, öffne ich möglicherweise auch dafür. Und es kann vorkommen, dass ich den Lift in einer Vollmond-Powdernacht bis 23 Uhr laufen lasse. Alles ist möglich und nichts ist sicher. So funktioniert das hier.“

Als ich Kurt frage, wie viel er für das Skigebiet bezahlt hat, sagt er nur, dass der Preis zwischen einem und einer Million Schweizer Franken lag. „Würdest du den Lift verkaufen, wenn man dir 200 000 sFr. mehr bieten würde, als du dafür bezahlt hast?“, frage ich. „Meine Frau meint, dass wir für drei Millionen verkaufen sollten. Ich denke, man müsste mir schon fünf Millionen auf den Tisch legen – aber selbst dann will ich deren Pläne und Visionen checken, bevor ich mich entscheiden würde. Vielleicht würden sie nach ein paar Jahren pleite machen und ich könnte das Gebiet für die Hälfte des Preises zurückkaufen ... Aber was würde ich in der Zwischenzeit machen? Ich bin 57 Jahre alt und hoffe, bald in Rente zu gehen. Dann habe ich mehr Zeit für die Dinge hier.“ Kurt zeigt auf einen zwei Kilometer entfernten Gipfel. „Stellt euch vor, eine Hängebrücke von hier nach dort. Wäre das nicht eine Attraktion?“, fragt Kurt.

Ich bin mir nicht sicher, ob Kurt das ernst meint und unterdrücke ein Lachen. Ja, verrückt ist er schon. Aber er besitzt einen Berg mit Skilift – ein Traum, den viele Skifahrer träumen und nur wenige zur Wirklichkeit gemacht haben. Ich verabschiede mich von Kurt mit dem Versprechen, an einem Powdertag wiederzukommen. Aber ich würde auch gerne sehen, wie sich die Dinge entwickeln. Wenn Kurt in 20 Jahren noch immer das merkwürdigste Skigebiet der Welt betreibt, wäre das schon Grund genug, noch einmal zum Haldigrat zu fahren. Und wenn eines Tages hier eine Hängebrücke über die Schlucht zur Bannalp gespannt ist, werde ich mit meinen Enkeln darüber gehen und ihnen erzählen, dass ich einmal einen echten Visionär gekannt habe.


Inhaltsverzeichnis

19.02.2013
Autor: Jimmy Petterson
© planetSNOW
Ausgabe 01/2013