Powder im Kaukasus

Freerideski in Georgien


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Ski Kaukasus Georgien
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Ski Kaukasus Georgien
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Wie es dazu kam, dass das Vorarlberger Hubschrauberunternehmen Wucher Heliski-Abenteuer in den Bergen Georgiens anbietet.

Der Wind, der Wind – er war gestern so gar nicht das himmlische Kind, sondern ein rechter Spielverderber. Er hat nämlich
den schönen Pulverschnee ordentlich verblasen. Jetzt kreist Pilot Wolfgang über einem Hochtal, das er und Leadguide George auf den vielversprechenden Namen „Powder-Box“ getauft haben. George scannt das Gelände gewissenhaft, doch schon aus der Luft wird klar: Die Pulver-Box ist eher eine Bruchharsch-Schüssel. Mit der müssen wir heute vorliebnehmen, denn die womöglich windgeschützten Hänge sind zu weit entfernt, um sie bei dem unsicheren Wetter anfliegen zu können. Niemand beschwert sich: Sicherheit geht vor. Wer möchte schon eine Nacht in einer Schneehöhle im Kaukasus auf 3000 Meter Höhe verbringen, weil der Heli nicht mehr fliegen kann?

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Die Top 18 Produkte für Freerider Foto: Hersteller
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Heliskiing mit dem Extra-Kick

Sicherheit ist nicht gerade der erste Begriff, der einem einfällt, wenn man an den Kaukasus und sein unübersichtliches Völkergemisch denkt, das sich gerne gegenseitig die Köpfe einschlägt. Als sich die Vorarlberger Wucher Helicopter GmbH vor einigen Jahren entschied, Heliskiing in den Bergen Georgiens anzubieten, hatte deshalb ein umfassendes Sicherheitskonzept von Beginn an oberste Priorität – zumindest für jene Bereiche, die man selbst beeinflussen kann: erfahrene Piloten, modernste Hubschrauber, Guides mit jahrzehntelanger Erfahrung, Notfallpläne.

Trotzdem ist ein Trip nach Georgien etwas abenteuerlicher als eine Reise in die Heli-Reviere Kanadas. Schon die Fahrt vom Hauptstadt-Flughafen Tiflis in die bis zu 5000 Meter hoch aufragenden Berge ist spannend. Nach einem Stopp in einem Supermarkt, in dem man die Wahl zwischen 87 (!) Sorten Wodka hat, geht es auf der legendären Georgischen Heerstraße zügig bergan. Erstmals erwähnt wurde dieser ehemalige Karawanenweg, die kürzeste und zugleich spektakulärste Route über den großen Kaukasus, bereits vor mehr als 2000 Jahren. Im 18. Jahrhundert, nach dem Anschluss Georgiens an das zaristische Russland, wurde die Straße für das Heer ausgebaut. Sie war die Nabelschnur, die den Nordkaukasus mit dem Orient verband, und sie löste einen regelrechten Kaukasus-Boom aus. So wie Goethe einst über den Furkapass nach Italien reiste, brachen Puschkin, Tolstoi, Tschechow, Gorki und andere Intellektuelle nun in die wilden Berge zwischen Schwarzem und Kaspischem Meer auf und machten sie zu einem Ort romantischer Verklärung.

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Test 2015 Allmountainski Foto: Hersteller
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Luxushotel im Nirgendwo

Tatsächlich benötigten die Truppen für die gut 200 Kilometer von Tiflis über den knapp 2400 Meter hohen Kreuzpass bis Wladikawkas fast einen ganzen Monat. Erdrutsche im Sommer, Lawinen im Winter – die Reise war kein Sonntagsspaziergang. Selbst heute kommt es häufig vor, dass die Straße gesperrt werden muss. Wir kommen jedoch gut durch und passieren Gudauri, Georgiens bekanntesten Wintersportort. Bis hierher ist die Straße ordentlich ausgebaut. Erst dahinter beginnt die Schlaglochpiste über den Kreuzpass. Nach Wladikawkas, jenseits der Grenze in der zur Russischen Föderation gehörenden Republik Nordossetien gelegen, dürfen die Georgier seit dem 5-Tage-Krieg mit Russland im August 2008 jedoch nicht weiterfahren. Für die Bauern in den Tälern hinter dem Kreuzpass ist das schlimm, weil sie ihre Waren nicht mehr an den großen Nachbarn verkaufen können. Allerdings dürfen die Russen anstandslos nach Georgien reisen. Und sie tun das gerne, denn in Russland sind Glücksspiel und Kasinos verboten, in Georgien dagegen erlaubt.

Auch deshalb gibt es in Stepanzminda (Sankt Stefan) das „Rooms Hotel“: Investoren von der Schwarzmeerküste haben am oberen Rand des Ortes, etwa 15 Kilometer vor der Grenze zu Russland, ein supermodernes Hotel in die Landschaft gesetzt, das so auch in den Alpen stehen könnte. Hat man die etwas finster dreinblickenden Türsteher passiert, öffnet sich ein großer Raum mit Lodge-Atmosphäre und origineller Einrichtung. Bar, Sauna und Pool – alles da, wie bestellt für verwöhnte Heliski-Gäste. Ein Spielkasino gibt es selbstredend auch, und durch die großen Glasfronten öffnet sich der Blick zum Ort. Selbst von hier oben erkennt man, in welch ärmlichen Verhältnissen die Bewohner von Stepanzminda leben: verfallene Häuser, unbefestigte Straßen, auf denen nur Pferde und Allradfahrzeuge vorankommen, herumstreunende Hunde, Autowracks. Das moderne Hotel wirkt da wie ein Fremdkörper, ein Ufo. Aber es ist für unsere Heli-Woche natürlich ein willkommenes „Basislager“, in dem sich auch ein Downday ganz gut aussitzen lässt.

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Test 2015 Allmountainski Foto: Hersteller
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Auslastung für den Heli

Der aus einem Metallgerüst und Plastikplanen errichtete Hangar befindet sich direkt neben dem Hotel. Dort wartet schon Chef-Guide George. Er heißt eigentlich Jürg Robbi, stammt aus St. Moritz und ist mit mehr als 30 Jahren Erfahrung ein alter Hase im Heliski-Geschäft: Er hat viele Jahre in Neuseeland gelebt und geführt (die Kiwis haben aus „Jürg“ den „George“ gemacht), aber auch in British Columbia, der Osttürkei und den Pyrenäen. Wenn hier einer Pulverschnee findet, dann ist es die Spürnase George. Ihm zur Seite steht Wolfgang Jäger, Fluglehrer und einer der erfahrensten Wucher-Piloten. Der Vorarlberger fliegt zu Hause öfter mal russische Oligarchen spazieren. Oder er bildet andere Piloten aus und bringt Skifahrer auf den Mehlsack oder das Schneetäli, die einzigen Gipfel in Österreich, an denen Heliskiing noch erlaubt ist.

Vor 5 Jahren hätte es sich Wolfgang nicht träumen lassen, dass er seinen Eurocopter einmal durch den wilden Kaukasus lenken wird. Dass es so kam, liegt vor allem am Vorarlberger Hans Wucher, der vor 40 Jahren den ersten Hubschrauber zur kommerziellen Nutzung in Österreich kaufte. Der Inhaber einer Zimmerei und Baufirma in Ludesch hatte sich auf Projekte an schwer zugänglichen Orten, meist im Gebirge, spezialisiert. Der Beton musste also auf den Berg: zu den Schutzhütten, zu den Liftmasten, den Lawinenverbauungen. Heute gehören Wucher – der Gründer starb 1995, inzwischen führen die Kinder das Unternehmen – 13 Hubschrauber, jeder mindestens 2,5 Millionen Euro teuer. Und diese Flotte muss natürlich ausgelastet werden. Nicht nur im Sommer, wenn das Geschäft mit Lastentransporten gut läuft, sondern auch im ruhigen Winterhalbjahr.

Wucher ist deshalb ständig auf der Suche nach neuen Geschäftsideen, bietet Sightseeing- und Gourmetflüge sowie Flughafentransfers an, fliegt Rettungseinsätze. Auf den großen Kaukasus wären sie dennoch nicht alleine gekommen.Da bedurfte es schon eines Zufalls: Der Georgier mit dem für seine Heimat typischen Zungenbrechernamen Vakhtang-Wato Asatashvili war unter dem früheren Präsidenten Micheil Saakaschwili Vize-Chef der nationalen Tourismusbehörde. Und Saakaschwili wiederum war ein großer Freund von Know-how-Transfer aus dem Westen. Da traf es sich gut, dass Wato in Wien studiert hatte und Deutsch sprach. Österreich, so überlegte er, weise viele Gemeinsamkeiten mit Georgien auf: nicht besonders groß, viele Berge, viel Tourismus. Er ging deshalb auf die Tourismusmanager in Tirol und Vorarlberg zu, um gemeinsame Projekte auszuloten. Über den Innsbrucker Unternehmer Wolfgang Gratzel kam er mit Wucher in Kontakt. 2012 flogen Gratzel und Gerhard Huber, Chef der Wucher-Holding und Schwiegersohn des Firmengründers, gemeinsam nach Gudauri und gründeten das Joint Venture „Gudauri Heliskiing“.

Gratzel stieg später aus; heute ist das Heliski-Geschäft eine 100-prozentige Tochter von Wucher – und Wato der Mann vor Ort, der alles managt, auch nach dem Umzug von Gudauri nach Stepanzminda und in das „Rooms Hotel“. Die Frage war nur: Wie kommt der Heli in den Kaukasus? Ihn nach Gudauri zu fliegen, wäre zu teuer gewesen – und unsicher obendrein, weil er bei Schlechtwetter am Boden bleiben muss. Außerdem hätte man Überfluggenehmigungen für mehrere Länder beantragen müssen. Zum Glück hat Wucher Helicopter einen Mann für alle Fälle: Der Flugtechniker Daniel Wurnitsch hatte bei Filmarbeiten während einer Auto-Rallye in Kasachstan und Turkmenistan Erfahrung mit solchen Projekten gesammelt. Damals flog er mit dem Heli bis Zentralasien. Weil aber nicht alles rund lief, plädierte Daniel dieses Mal dafür, den Heli auf einen Tieflader zu packen. Ein türkischer Fahrer setzte sich hinter das Steuer – alle anderen hatten gekniffen – und fuhr den Sattelschlepper via Südosteuropa und die Türkei nach Georgien. Daniel kann Ge- schichten erzählen: Wie es sich anfühlt, wenn die Sicherungsgurte bei der Fahrt über den Kreuzpass locker werden oder wie man bei Wind von 50 km/h und Tempera- turen von minus 15 Grad einen Behelfshangar aufbaut. Daniel schmunzelt dann und meint: „Erfahrung hilft, Bakschisch hilft, ein paar Brocken Georgisch helfen auch.“

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Test 2015 Tourenski Foto: Hersteller
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Nun stand also ein 2,5 Millionen Euro teurer Hubschrauber in der Landschaft herum – in einem Land, in dem der Durchschnittslohn weniger als 300 Euro im Monat beträgt. Daniel und Pilot Wolfgang dachten sich deshalb, es könnte vielleicht nicht schaden, wenn man sich mit den Einheimischen gut stellt. Wolfgang übt deshalb manchmal Hochgebirgslandungen mit georgischen Polizisten – gratis. Oder er nimmt die schwarz gewandeten und langbärtigen Mönche der orthodoxen Klosterkirche Gergeti auf einen kurzen Sightseeing-Flug mit. Peacekeeping-Mission oder Lebensversicherung für den Heli – Wolfgang ist es egal, wie man seine Überstunden bezeichnet. Hauptsache, es hilft, und der Heli geht nicht „versehentlich“ in Flammen auf.

Am nächsten Morgen bleibt der Weckruf von George aus. Durch die Panoramascheiben erkenne ich, dass der hinter Stepanzminda hoch aufragende 5000er Kasbek eine Sturmhaube hat. Die Föhnzirren sind ebenfalls kein gutes Zeichen. Downday! Zu viel Wind, nach immerhin 3 Flugtagen mit vielen Höhenmetern und mal besserer, mal schlechterer Schneequalität. Ich schaue hinüber zur Gergeti-Kirche, die sich wie ein perfektes Fotomotiv vor den Kasbek in das Bild schiebt. Im Sommer ist die einzige Kuppelkirche des Kaukasus ein beliebter Wallfahrtsort. Gläubige opfern hier Schafe für die Genesung ihrer Angehörigen. Alexander Puschkin schrieb über die einst im 14. Jahrhundert erbaute Kirche: „Weiße Wolkenfetzen trieben über den Gipfel des Berges, und das einsame Kloster, von der Sonne beschienen, sah aus, als schwimme es in der Luft, von den Wolken getragen.“ Mir wird bewusst, dass wir uns hier tatsächlich an einem touristischen Hotspot Georgiens befinden, zumindest im Sommer. Und dass die Kulturgeschichte dieser Region, über die wir so wenig wissen, so spannend ist wie eine Abfahrt im stiebenden Pulverschnee.

Nun ja, ganz so spannend vielleicht doch nicht. Zum Glück sind für den nächsten Tag Sonne und wenig Wind vorausgesagt – und die Wetterfrösche halten Wort. Wir können endlich in den Windschatten der steil aufragenden Zacken fliegen, die George und Wolfgang „Dolomiten“ getauft haben. Hier finden wir das weiße Gold, auf das wir so sehnsüchtig gewartet haben. Spur für Spur legen wir in die jungfräulichen Hänge. Am Nachmittag stehen fast 9000 Höhenmeter und 14 Runs in Georges Büchlein. Der grinst nur und meint: „Ich hab’s euch doch gesagt: Wenn es hier Powder gibt, dann finden wir den auch.“

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White Style 2016 Foto: Christoph Laue
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04.12.2015
Autor: Günter Kast
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Ausgabe 2015/2016/2015/2016