Mit dem Wohnmobil auf Freeride-Tour

„Kein Tarzan-Scheiß“: Freeski-Filmen am Montblanc


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planetSNOW Freeride Montblanc Wohnmobil
Foto: Mattias Fredriksson

 

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Foto: Mattias Fredriksson

 

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Foto: Mattias Fredriksson

 

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Foto: Mattias Fredriksson
Seit vielen Jahren rockt die Good Times Crew die Freeski-Welt mit ihren aufregenden Episodenfilmen. Wir haben sie bei ihren jüngsten Dreharbeiten begleitet. Dabei wollte sie in Wohnmobilen die Montblanc-Region unsicher machen. Am Ende kam alles ganz anders.

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Von den E-Mails her scheint die Good Times Crew bisher das zu planen, was sie immer vorhat: Viel Ski fahren und filmen, gut essen, ab und zu ein Gläschen Wein trinken, ein wenig Unsinn reden und ... na ja, sonst eigentlich nicht viel.

Eines der Crew-Mitglieder fordert nun allerdings, dass man dieses Mal „keinen Tarzan-Scheiß“ machen solle, also kein „Extremskifahren“ – wobei dieser Ausdruck einst für exakt das erfunden wurde, was diese Schnee-Superhelden tatsächlich tun. Er meint ja auch nur: kein extremes Extremskifahren – also keine Abseil-Aktionen oder Fahrten in Wenn-du-stürzt-dann-bist-du-tot-Gelände.

Schließlich sind in dem Jahrzehnt, das seit Gründung der Good Times Crew vergangen ist, Beziehungen entstanden, Ehen geschlossen und Kinder gezeugt worden. Außerdem sind einige enge und auch berühmte Freunde dabei gestorben, während sie in den Bergen mehr oder weniger die gleichen Tätigkeiten ausübten wie die Good Times Crew. Das macht einen doch ein wenig vorsichtiger. Wobei ... vielleicht ist ein bisschen Wenn-du-stürzt-dann-bist-du-tot ja doch okay. Zumindest, so lange es niemand den Ehefrauen verrät.

Jede Menge Good Times beim Salomon Freeski TV
Die Good Times Crew spielt eine prominente Rolle bei Salomon Freeski TV: In den 6 vergangenen, sehr erfolgreichen Seasons konnte man sie im österreichischen Hinterland, norwegischen Fjorden, russischen Helikoptern und Schweizer Zügen sehen. In diesen Episoden erlebten sie jede Menge „Good Times“, gute Zeiten also, mussten dafür aber auch langwierige Reisen, hektische Last-Minute-Schneejagden, riskante Bedingungen und die damit verbundenen Gefahren aushalten. Dieses Mal soll alles anders sein. Ich treffe Mike Douglas, Mattias Fredriksson, Ben Mullin und Henrik Windstedt im Salomon-Headquarter in Annecy in Frankreich. Unser Plan ist es, in 2 gemieteten Wohnmobilen die Skigebiete rund um das Montblanc-Massiv unsicher zu machen.

Aber es fängt gleich schlecht an: Eines der Wohnmobile ist der ungewöhnlich strengen Kälte in den Nordalpen zum Opfer gefallen – Kraftstofffilter gefroren. Wir schieben das Fahrzeug in die Sonne, damit es auftaut. In der Zwischenzeit fahren wir mit dem anderen nach Chamonix und holen Kaj Zackrisson ab. Der Schwede berichtet uns, dass die gleiche Kaltfront auch dafür verantwortlich ist, dass rund um den Montblanc relativ wenig Schnee liegt. Wir konsultieren also die Salomon Powder App und finden heraus, dass der meiste Schnee weit weg von unserem geplanten Reiseziel gefallen ist, nämlich im italienischen Piemont. Wir beschließen, die Montblanc-Idee sausen zu lassen. Hey, wir haben Wohnmobile, Baby! Wir können fahren, wohin wir wollen – Spontaneität ist King!

 

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Foto: Mattias Fredriksson

Mit dem Wohnmobil auf dem Pass nach Frankreich

6 Stunden Regen und italienischen Autobahn-Wahnsinn später befinden wir uns kurz vor Argentera, einem kleinen Skigebiet auf einem gut 2000 Meter hohen Pass, der nach Frankreich führt. Es schneit heftig, und die Wohnmobile können die Steigung kaum noch bewältigen. Hinter Bersezio geraten beide Wagen ins Rutschen. Es dauert eine Stunde, bis wir weiter bergauf fahren können. Wir scheinen uns mitten im Nirgendwo zu befinden. Doch plötzlich taucht das Polar Café aus dem Schneesturm auf. Hinter der Bar steht Lano, der mit jemandem gesprochen hat, der mit Kaj gesprochen und diesem erzählt hat, dass Lano ein echter Freund aller Freerider sei. Und tatsächlich hat Lano seine vielen Geschäfte, die er in dieser Stadt tätigt, auf dieser Freundschaft aufgebaut. Dazu gehört auch ein restauriertes Gebäude aus dem 13. Jahrhundert, in dem die Kameraleute schlafen und ihre Akkus aufladen können, während der Rest von uns in den Wohnmobilen pennt. Und das wird härter als gedacht. Weder Mike noch ich können herausfinden, wie man die Standheizung anschmeißt. Wir schlafen also im eiskalten Wohnmobil ein und sehnen den Morgen herbei.

Bequemerweise liegen die Skilifte nur 100 Meter vom Polar Café entfernt. Es ist ein normaler Wochentag, und nur ein knarzender 2er-Sessellift hat geöffnet. Wir hiken an den spartanischen Liftanlagen und verschneiten Hütten vorbei zum Gipfel, um auf einem bewaldeten Kamm abzufahren. 20 Zentimeter Neuschnee verdecken die gefrorene und verspurte Unterlage. Wir setzen einige schöne Turns in die steilen Lärchenwälder. Die Kameraleute freuen sich. Die Traverse auf der Südseite zurück ins Skigebiet führt jedoch durch schwieriges Gelände, in dem fiese Fallen für die Schaufeln unserer Ski lauern. Aber im Kernbereich des Skigebiets machen wir einige sehr erfreuliche Runs auf nördlich exponierten Hängen im steilen Wald. Uns wird schnell klar, warum das Treeskiing hier als „unglaublich“ bezeichnet wird.

Am Nachmittag fahren wir an einem langen Kamm entlang und landen unten in einem Tal. Über eine Brücke überqueren wir den Fluss und laufen zurück zum Café. Lano serviert natürlich Pasta: hausgemachte Ravioli und Linguine. Seine komplette Familie wuselt umher: Mutter, Ehefrau, älteres Kind, Bambino, Hund. Nach dem Essen bricht die Crew noch einmal zu einem letzten Run auf. Die Jungs bleiben bis nach 18 Uhr weg, brauchen also mehr als 2 Stunden für diese eine Abfahrt. Im fertigen Film wird das am Ende wohl 10 bis 20 Sekunden für jeden der 3 Rider ausmachen. Nach der Rückkehr tun sie so, als seien die Bedingungen mau gewesen. Aber das Footage und die Fotos beweisen das Gegenteil. Das Abendessen wird zur Feier eines erfolgreichen Tages.

 

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Foto: Mattias Fredriksson Skikeller im Wohnmobil.

Am nächsten Morgen zeigt sich deutlich, dass die Good Times Crew älter wird. Selbst die jüngsten Mitglieder müssen sich länger dehnen, vorbereiten und aufwärmen als früher. Dazu kommen neue Ablenkungen. Die Zeit, die alle mit ihren Smartphones und Laptops verbringen, um Bilder hochzuladen und die Social-Media-Sklavenhalter zufriedenzustellen, ist der Wahnsinn. Das Café ist an diesem Freitagmorgen voller Wochenend-Skifahrer. Wir haben jede verfügbare Steckdose in Beschlag genommen. Unsere Stromkabel verlaufen quer durch den Raum und wickeln sich um die Prosciutto-Sandwiches der anderen Gäste.

Es hat weiter geschneit. Der Tag wird zu einer Wiederholung des gestrigen. Die Crew filmt bis zum Sonnenuntergang. Am Abend ist das Café wegen einer Fußballübertragung rappelvoll. Mehr gute Zeiten bedeuten auch mehr guten Wein – Kaj und ich stoßen kräftig an. Wir haben keine Ahnung, wie das Spiel verläuft. Wenn die anderen jubeln oder buhen, tun wir das auch. Ziemlich bald wissen wir nicht einmal mehr, wer überhaupt spielt.

Der nächste Morgen bringt Nebel. Wir begeben uns wieder auf die Straße und überqueren den Pass. Es geht durch Frankreich und wieder zurück nach Italien, nach Sauze d’Oulx im Piemont. Das Dörfchen 80 Kilometer westlich von Turin liegt am Fuß des Montgenèvre und war 2006 Austragungsort der olympischen Freestyle-Wettbewerbe. Es wird ein fantastischer Tag. Die Sonne scheint, und auf den Nordhängen finden wir jede Menge Powder. Die Jungs holen heraus, was möglich ist. Dann fahren wir weiter Richtung Col de Montgenèvre. Einige Stunden später parken wir unsere Wohnmobile vor dem Sandy Bar Caffé in Claviere in Italien, nur einen Katzensprung von der französischen Grenze entfernt. Auf der Suche nach einem Restaurant landen wir im Kilt und lassen uns eine fantastische Holzofenpizza schmecken.

Bei Sonnenschein und blauem Himmel brechen wir in die Berge auf. Oben thront das riesige Fort, das die Franzosen einst zur Abwehr der Italiener errichtet haben. Die Crew beginnt, auf einem Nordhang zu filmen. Er vereint alle Trips, die wir bisher gemacht haben: Einige schöne Lines, einige Überraschungen, viel Warterei. Henrik fährt eine unglaublich exponierte Rampe, Mike löst fast eine Lawine aus, und Kaj springt von ein paar Cliffs. „Business as usual“ für die Good Times Crew.

Leider ist der Himmel am nächsten Morgen aschgrau. Wir frühstücken in der Sandy Bar und essen vor der Abfahrt im Kilt zu Mittag. Es ist voller Freerider aus dem nahe gelegenen La Grave. Dort hat die Gondel geschlossen. Und der Pass ist jetzt auch zu. Dummerweise haben sie ihre Autos auf dieser Bergseite geparkt. Für uns läuft es nicht besser. Wir brechen Richtung Süden nach Isola 2000 auf. Laut unserer Karte sind das 3 Stunden Fahrt. Aber wir übersehen, dass einer der Pässe im Winter geschlossen ist. Das Resultat ist ein 7-stündiger Umweg um die Alpen, der uns fast bis Nizza führt. Von dort geht es nach Norden an alten Burgen vorbei in die enge Tinée-Schlucht. Hinter Isola versuchen wir, nach Isola 2000 hinaufzukommen, aber gegen Eis und Schnee kommen wir nicht an. Wir kehren ins Tal nach Saint-Étienne-de-Tinée zurück. Nach dem Abendessen im letzten geöffneten Restaurant legen wir uns in den Wohnmobilen schlafen.

 

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Foto: Mattias Fredriksson Good Times!

Neuschnee und Powderabfahrten

Auch der Folgetag beginnt mir starkem Schneefall. Die Obstbäume ächzen unter Neuschnee und Wind. Ohne Schneeketten können wir Isola 2000 nicht erreichen. Aber in den Geschäften finden wir nur Frischobst von der Küste. Nach einiger Detektivarbeit betreten wir schließlich einen Tabakladen, dessen Besitzer permanent eine Kippe zwischen den Lippen hängen hat – aber auch einen Keller voller Schneeketten besitzt. Im Skigebiet liegen 40 Zentimeter Neuschnee. Die Fahrt durch den Wald macht Spaß, das Gelände ist anspruchsvoll und abwechslungsreich. Aber es ist auch gefährlich. So weit im Süden sind die Temperaturunterschiede gewaltig. Ein Großteil des Gebiets ist wegen Lawinengefahr geschlossen. Es schneit den ganzen Tag hindurch. Dort, wo es möglich ist, genießen wir den tiefen Powder.

Um 5 Uhr am nächsten Morgen wecken uns Lawinensprengungen. Sie dauern Stunden. Uns zerreißt es fast vor Ungeduld, aber erst um 11 Uhr werden die Lifte geöffnet. Inzwischen hat der Wind warme Luft gebracht und den Powder ruiniert. Das Skifahren gleicht einer Komödie. Wir drehen Slapstick-Filme mit wilden Stürzen und Purzelbäumen im Schnee. Dann hauen wir ab – der Wetterbericht kündigt Regen an.

Wir fahren zurück in die Italienischen Alpen. Es schüttet fast die gesamte Küste entlang. Erst in Aostatal und Courmayeur wird es heller. Neben Horden von Mailänder Fashion-Victims schlendern wir durch die Stadt, holen uns eine Takeaway-Pizza und essen sie im Wohnmobil, das wir neben der Talstation geparkt haben. Draußen lärmt eine Gruppe Italiener, verschwindet dann und weckt uns schließlich mitten in der Nacht: Eine Pistenraupe hat sie auf den Berg zum Abendessen gebracht. Weit nach Mitternacht kehren sie zurück, suchen lautstark und betrunken ihre Autos, liefern sich Wortgefechte und lassen die Fäuste fliegen – und ich rede hier nur von den Frauen!

Unsere Müdigkeit ist wie weggeblasen, als uns am Morgen die Sonne begrüßt. Das Panorama am Montblanc-Massiv ist fantastisch. Oben erwartet uns Neuschnee. Wir fahren vom Gipfel weg einen spektakulären Hang neben der Piste. Nach einer riesigen Bowl erreichen wir die Rinnen im Lärchenwald. Unten schieben wir über Felder zurück zum Lift. Unsere Mission ist erfüllt. Durch den Montblanc-Tunnel kehren wir nach Frankreich zurück. Das Footage reicht locker für eine neue Episode. Kein Schneesturm in Sicht. Wir können uns zurücklehnen und im unglaublichen Stau zwischen Chamonix und Annecy entspannen. „Good Times“ eben!


Inhaltsverzeichnis

24.02.2014
Autor: Leslie Anthony
© planetSNOW
Ausgabe 01, 2014/2015/2014, 2014/2015