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Krippenstein in Österreich: Paradies für Freeride-Fans

Skifahren am Krippenstein: Freeriden in Österreich

Downhill-Skifahren im Tiefschnee: Der Krippenstein im Salzkammergut hat sich zu einem der bekanntesten Spots für Freeride-Freunde in Österreich gemausert. Noch gibt es viel unverspurtes Gelände – und zwar für Cliffjumper und Genuss-Cruiser gleichermaßen. Wir stellen den Krippenstein vor.

Ski Skigebiet Krippenstein Österreich

Der Krippenstein: bekanntes Freerider-Gebiet in Österreich.
Foto: Boris Dufour


Eva Walkner, die Profi-Freeriderin aus Salzburg, hat sowieso schon ziemlich große Augen. Besonders groß wirken sie, wenn sie unter einer Mütze hervorschauen, was bei „Mrs. Cool“, so ihr Spitzname, fast immer der Fall ist. Jetzt werden diese Augen noch größer. Eva blickt durch die Panoramascheibe der Lodge am Krippenstein nach draußen, wo fette Flocken lautlos zu Boden fallen. Was sie sieht, gefällt ihr. Und auch das, was sie hört. Die Wetterfrösche sagen, dass es die ganze Nacht durchschneien und morgen Vormittag aufklaren soll. Morgen Kinder, wird’s was geben ...

Kleines Skigebiet, viel Schnee
Dass Profi-Freerider wie Eva, Chris Davenport oder Martin „McFly“ Winkler so gern an den „Stoa“ kommen, wie die Einheimischen den Krippenstein nennen, hat seine Gründe. Einer davon ist das Wetter. Das Skigebiet liegt im Salzkammergut am nördlichen Rand des Dachsteinmassivs. Diese Nordstaulage sorgt dafür, dass die Region oft eine Extrapackung der weißen Pracht abbekommt. Allerdings muss man auch wissen, dass die Talstation der Krippenstein-Gondel in Obertraun nur 600 Meter über dem Meer liegt. Bei einem Warmlufteinbruch kann es in den Tallagen schon einmal regnen. Gutes Timing ist deshalb die halbe Miete.

Stress muss man sich trotzdem nicht machen. Der Krippenstein ist zwar beileibe kein Geheimtipp mehr, aber es geht hier im Vergleich zu prominenteren Freeride-Revieren immer noch ruhig zu. An der Talstation sitzen Locals gemütlich bei einem Bier zusammen und verdrücken warme Leberkäs-Semmeln. Tschechische Freerider mit No-Name-Klamotten diskutieren mit deutschen Fahrern in neuesten Outfits die besten Runs. Und zwischen all den Powder-Junkies findet man sogar einige Pistenfahrer, denen es hier gefällt, obwohl es nur eine einzige präparierte Abfahrt gibt, die diesen Namen wirklich verdient.

Test: 17 Offpiste-Ski für Freerider (2012/2013)

Offpisten-Ski im planetSNOW-Test
Foto: 4FRNT
Offpisten-Ski im planetSNOW-Test
Foto: Atomic
Offpisten-Ski im planetSNOW-Test
Foto: Black Diamond
Offpisten-Ski im planetSNOW-Test
Foto: Blizzard

Rettung durch "Sekundenjagd am Krippenstein"

Tatsächlich wären am „Krip“ vor rund 10 Jahren fast die Lichter ausgegangen. Das kleine Gebiet war einfach nicht rentabel, die Gondelbahn veraltet. Dass es nicht so weit kam, haben die Freerider engagierten Einheimischen zu verdanken, die rechtzeitig erkannten, dass dem Offpiste-Skifahren die Zukunft gehört und der Krippenstein dafür wie geschaffen ist. Einer dieser Männer mit Durchblick ist Helmut „Heli“ Putz, Chef von „Outdoor Leadership“.

Der Bergführer befährt selbst leidenschaftlich gern steilste Flanken und hatte weder privat noch von Berufs wegen ein Interesse daran, dass der Krippenstein zu Grabe getragen wird. Also ließ er seine Kontakte zu einem bekannten österreichischen Hersteller von Energiebrause spielen und holte sich diesen als Sponsor des „White Rush“ getauften Offpiste-Skirennens ins Boot. Premiere war im März 2001. Schon die Qualifikationsrennen mit dem singenden Titel „Sekundenjagd am Krippenstein“ waren Kult. Am Renntag selbst mussten die 48 Rider dann exakt jene Strecke meistern, auf der Ernst Hinterseer, Hugo Nindl & Co. bereits in den 1950er- und 60er-Jahren um die Wette talwärts gejagt waren. Und zwar nicht auf Zeit, sondern Fahrer gegen Fahrer. Ein echter Showdown auf der mit nur wenigen Richtungstoren ausgeflaggten 4,8 Kilometer langen Strecke zwischen der Terrasse des Berghauses am Krippenstein und der Schönbergalm an der Mittelstation der Seilbahn.

Höhepunkt des Rennens war der „Ritt“ durch eine 100 Meter lange Karsthöhle, die dazu extra mit 14 Kubikmeter Schnee ausstaffiert worden war. In höllischem Tempo tauchten die Fahrer in die Dunkelheit ein, um das „Teufelsloch“ mit einem gewaltigen Sprung wieder zu verlassen. Die wenig bekannte Location am Krippenstein wurde für die Dauer eines Wochenendes zum Mekka der internationalen Freeski-Szene und war plötzlich in aller Munde. Heute gibt es das Rennen nicht mehr, weil der Sponsor abgesprungen ist. Aber seinen Werbeeffekt hat es nicht verfehlt.

Eva Walkner ist nicht nur Profi-Freeriderin, sondern fährt auch Hundeschlitten-Gespanne.
Foto: Boris Dufour

Die Lodge: Panoramablick für Freerider

Heli Putz hat so ziemlich alles, was er am Berg kann, von seinem Onkel Toni Rosifka gelernt. Toni, selbst Bergführer, war viele Jahre der legendäre Wirt der Simonyhütte auf dem Dachsteinplateau, die man vom „Krip“ aus gut sieht. Seine Tochter Moni ist genauso „vogelwild“ wie er: Sie lenkt sein Hundeschlittengespann über den Hallstätter Gletscher und fährt so gut Mountainbike, dass sie Dritte beim Downhill-Rennen Megavalanche in L’Alpe d’Huez wurde. Natürlich steht sie auch super auf dem Ski. Das wiederum gefiel Clemens, der früher im B-Kader der Österreicher Europacup-Rennen fuhr. Das junge Paar suchte eine wirtschaftliche Basis – und entdeckte das in die Jahre gekommene Schutzhaus am Krippenstein. Die Anschubfinanzierung kam von Toni. Er kaufte seiner Moni die Bude 2004 zum 18. Geburtstag.

Die Rosifkas renovierten das alte Haus mit viel Engagement und bauten im Blockhaus-Stil an. Dank der großen Panorama-Fenster genießen Freerider jetzt einen atemberaubenden Blick auf die Spielwiese vor der Haustür. Und natürlich auf Tonis Huskys, die schon mal den Vollmond anheulen. Trotzdem war es ein Risiko für die jungen Lodge-Betreiber, denn 2004 stand noch nicht fest, ob es mit dem winzigen Skigebiet überhaupt weitergehen würde. Aber spätestens als dann 2007 die neuen Gondeln kamen, war klar: Der „Stoa“ hat Potenzial, und zwar ganz gewaltig. Heute ist die Lodge ein bekanntes Freeride-Quartier und für viele einer der Hauptgründe, an den Krippenstein zu kommen. Wer hier oben eincheckt, hat nach Neuschneefällen eine Garantie auf erste Spuren – und zwar in einem Gelände, das sehr speziell und abwechslungsreich ist. Mit einem Höhenunterschied von satten 1500 Metern zwischen Tal- und Bergstation erlaubt es zudem viele Variationen.

Offpiste-Cruising durch kupiertes Gelände am "Krip".
Foto: Krippenstein Lodge

Freeriden mit Genuss oder Cliffjumps

Wenn es schneit und die Sicht schlecht ist, erkundet man am besten die ehemalige Talabfahrt, die heute nicht mehr präpariert wird. Diese „Eisgrube“ genannte Variante im lichten Wald ist ideal für das Warm-up. Klart das Wetter auf, geht’s sofort auf die „Imisl“ oberhalb der Waldgrenze. Hier sieht man zum ersten Mal die für den „Krip“ so typischen Landschaftsformationen: Kupiertes Karstgelände, durchsetzt mit Felsabbrüchen, vor denen man rechtzeitig bremsen sollte, wenn man nicht gerade Lust auf Cliffjumps hat. Die Kombination aus „Imisl“ und „Eisgrube“ ist der beliebteste Run am „Stoa“, weshalb man hier nicht allzu lange unverspurtes Terrain erwarten darf.

„Auf geht’s zur Angeralm“, ruft deshalb Sebastian, einer von Helis Guides. Mit traumwandlerischer Sicherheit findet er eine nahezu perfekte Line in dem unübersichtlichen Gelände. Die 4 Snowboarder, die mit uns unterwegs sind, nicken sich zu. Das soll heißen: Es lohnt sich eben doch, einen Guide zu nehmen. Gestern waren sie auf eigene Faust durch den Nebel geirrt und hatten sich nicht getraut, die schwierigeren Runs auszuprobieren. Dass man ohne genaue Ortskenntnis in der Tat ziemlich schnell in einer Sackgasse landet, wird klar, als wir die unmissverständlichen „Exit“-Schilder an den Bäumen sehen, die Freerider zum unteren Teil der „Eisgrube“ leiten.

Sebastian empfiehlt dringend, diese Schilder ernst zu nehmen. Einige superschlaue Freerider hatten das Gerücht gestreut, Locals hätten die Schilder nur deshalb an die Bäume genagelt, um die besten Runs für sich zu haben. Sebastians Kommentar zu dieser Theorie lässt wenig Spielraum für Interpretationen: Er tippt sich mit dem Zeigefinger an den Helm. Und meint noch, dass er allmählich keine Lust mehr habe, ständig nach Leuten zu suchen, die an 20 Meter hohen Felsabbrüchen sitzen und nach ihrer Mama oder der Bergwacht rufen. Besonders Snowboarder seien da gefährdet, denn mit den Brettern ist ihnen der Rückweg meist versperrt.

Schiff ahoi: Nach der Mega-Abfahrt vom Dachsteingletscher geht es mit Boot, Bahn und Bus zurück zum "Krip".
Foto: Günter Kast

Vorsicht vor Dolinen im Tiefschnee

Trotzdem sind Snowboarder nette Menschen. Schon deshalb, weil sie nicht überall hinkommen. Um zum Beispiel die „Schönberg“-Variante zu erreichen, müssen sie kräftig schieben. Viele haben auf die lange Querung keine Lust. Schon gar nicht auf jene Route, die um den Däumelkogel rechts herumführt. Hier findet man deshalb fast immer unberührte Hänge. Aber Vorsicht: Es gibt hier unglaublich tiefe Karstlöcher, sogenannte Dolinen. Oft sind diese „Schweizer-Käse-Löcher“ von Schnee überdeckt und kaum zu erkennen. Wer in eine solche Falle hineinplumpst, hat gute Chancen, einst im 4. Jahrtausend nach Christus als „Ötzi 2“ Karriere zu machen. Also besser mit den Kumpels losziehen und im Zweierpack abfahren. Für uns wird es jetzt Zeit, die Felle aufzuziehen, denn rund um den Krippenstein haben wir so ziemlich alles abgegrast.

Mit Klaus spuren wir zum Dachsteingletscher hinauf. Im unteren Teil durch märchenhaften Zirbenwald, im oberen Teil durch sehr alpines Gelände mit einem mächtigen Gletscherbruch zur Linken. Am Kamm blicken wir in die beeindruckende Südwand des Dachsteinmassivs und stellen die Bindung auf „Ski“ um. Vor uns liegen 21 Kilometer und mehr als 2200 Höhenmeter Abfahrt! Bis hinunter zum Hallstätter See, auf einer Route, die all denjenigen, die nicht aufsteigen wollen oder können, verwehrt bleibt. Mit brennenden Oberschenkeln kommen wir in Hallstatt an. Weil’s gerade so schön ist, nehmen wir das Boot über den See und dann den Zug und Bus zurück nach Obertraun zur Talstation am Krippenstein. Oben an der Lodge treffen wir Eva Walkner wieder. Ihre Augen sind jetzt kleiner, und sie sieht etwas müde aus. Aber dafür steht ihr ein extrabreites Grinsen im Gesicht.

Autor: Günter Kast

© planetSNOW : Ausgabe 02/2012

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