Halbinsel Kola: Mit Freeride-Ski am Polarkreis

Freeriden in Russlands Norden


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Ski Freeride Polarkreis Russland
Foto: Andrä, Holle, Reiß, Wiedemann

 

Ski Freeride Polarkreis Russland
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Ski Freeride Polarkreis Russland
Foto: Andrä, Holle, Reiß, Wiedemann

 

Ski Freeride Polarkreis Russland
Foto: Andrä, Holle, Reiß, Wiedemann

 

Ski Freeride Polarkreis Russland
Foto: Andrä, Holle, Reiß, Wiedemann
Was anfangs nach Ski fahren im Industriegebiet aussah, ist mit Schneemobilen als Liftersatz zum herrlich derben Freeride-Spaß am Polarkreis geworden. Unser Autor Roland Wiedemann genoss im Chibinen-Gebirge auf der Halbinsel Kola das Gefühl von Abenteuer und Freiheit.

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Stünden im Ruhrpott Berge, müsste man nicht Tausende von Kilometer reisen, um in den Weiten Russlands den ungeschminkten Gegenentwurf zur alpenländischen Wintersportromantik zu finden. Einem Tourismusmanager, vorausgesetzt so jemanden gäbe es wirklich in „25 Kilometer“, diesem hässlichen Nest nördlich des Polarkreises, und wäre er auch noch halbwegs ehrlich, könnte nur ein Slogan für diesen grauesten aller Skiorte einfallen: „Willkommen beim Skifahren im Industriegebiet.“ In der Werbebroschüre wären verlotterte Schlepplifte vor überzuckerten Abraumhalden, rauchenden Schloten und heruntergekommenen Plattenbausiedlungen zu sehen. Vollbeladene Loren und Hochspannungsmasten würden Pferdeschlitten und verschneite Tannen als Kulisse ersetzen. Wenigsten der Himmel auf den Fotos wäre wohl tiefblau.

Förderbänder statt Bars
In Wirklichkeit ist er aber dunkelgrau. Dichte Wolken hängen an den Bergen über dem Bergbaustädtchen, und unten im Tal ist nicht einmal der Frohsinn verkündende Lärm einer Schirmbar, sondern das verstörende Rattern endloser Förderbänder zu hören. Ein Geräusch, das nur vom lauten Schaben unserer Ski unterbrochen wird, sobald wir über die verharschten Hänge mit 5 Zentimeter Neuschneeauflage scheppern. Nie wären wir auf die Idee gekommen, man könnte beim Skifahren oder Snowboarden depressiv werden. In „25 Kilometer“ scheint das möglich zu sein.

Nur Sascha lässt das alles kalt. Während unser russischer Guide, der sehr gut deutsch spricht, in der Liftspur auf seinen breiten Freeride-Ski über Windgangeln und Eisbrocken balanciert, frage ich ihn, woher der doch recht eigentümliche Ortsname „25 Kilometer“ kommt. „Die nächste Eisenbahnlinie war 25 Kilometer entfernt“, muss als Antwort reichen. Zu allem Überfluss hat ein nächtlicher Sturm das Seil des obersten Lifts aus den Halterungen gerissen. Unten in der Hütte, wo auf groben Holztischen dampfender Borschtsch serviert wird, jene Weißkraut- und Rote-Bete-Suppe, die auf keiner russischen Speisekarte fehlt, zeigt uns Sascha auf einer Art Liftplan die Hänge, die wir mit Hilfe der defekten Anlage hätten erreichen können. „Vielleicht morgen“, macht uns Sascha Mut. Tilo, ein Raumausstatter von der Schwäbischen Alb, schüttelt den Kopf. „Das schaffen die nie.“

 

Ski Freeride Polarkreis Russland
Foto: Andrä, Holle, Reiß, Wiedemann Schneemobile eröffnen fantastische Möglichkeiten in einem anspruchsvollen Gelände mit beeindruckender Kulisse.

23 Stunden lang nach "25 Kilometer"

Doch Tilo wird sich mit seinem schwäbischen Realitätssinn, der ihn daheim bestimmt schon vor so mancher Enttäuschung bewahrt hat, irren. Die Liftboys haben es bis zum nächsten Morgen auf wunderbare Weise fertiggebracht, von Hand das schwere Stahlseil einzuhängen. Und als wir vor einer Ruine unsere Ski und Snowboards aus den Taxis laden, taucht auch noch ein erster blauer Fleck am Himmel über „25 Kilometer“ auf. Wer einmal die alles verändernde Kraft der Sonne in ihrer vollen Wirkung erleben will, der sollte nach „25 Kilometer“ reisen, selbst wenn der Weg dorthin so weit ist. Wir waren nach St. Petersburg geflogen, tags darauf im Zug 23 Stunden lang durch endlose Birkenwälder gerollt und hatten dabei ein Gefühl für die Weite Russlands bekommen.

So wie sich jetzt der Nebel auflöst, verflüchtigen sich auch die Zweifel, ob es den Aufwand wirklich wert war. Die rauchenden Schlote stehen zwar immer noch da, und die Förderbänder rattern weiter. Dennoch hat „25 Kilometer“ seinen Schrecken verloren. Ja, der Kontrast zwischen schmuddeliger Tristesse im Tal und der strahlenden Schönheit der weißen Berge hat sogar einen ganz besonderen Reiz.

Mit Skimobilen von Abfahrt zu Abfahrt
Wir schnappen uns Bügel oder Teller, so genau weiß man nie, was beim Lifteinstieg auf einen zukommt, und lassen uns auf einer kaum als solche erkennbaren Lifttrasse, die zudem stark nach rechts hängt und den Snowboardern alles abverlangt, nach oben ziehen. Es weht ein kalter Wind, und der Eispanzer um den Stahl wird von Liftmast zu Liftmast dicker. Am Ausstieg steht eine verwaiste Bretterbude – die Gipfelstation. Eigentlich könnten wir jetzt jene Hänge hinuntercruisen, die uns Sascha gestern auf der Karte gezeigt hat. Doch seine Skispitzen zeigen am Grat in die entgegengesetzte Richtung. Vor uns weites, baumloses Terrain mit gutem Schnee, das im Nirgendwo der Tundra endet.

600 Höhenmeter später blickt Sascha erleichtert in unsere glücklichen Gesichter. Oleg und seine Kumpel, deren Schneemobile von Weitem zu hören waren, warten schon auf uns. Zwar erschließen allein die drei Lifte von „25 Kilometer“ – wenn sie laufen – ein ganz ordentliches Backcountry, aber mit den knatternden Yamaha- und Skidoo-Maschinen als Transportmittel werden die bis zu 1200 Meter hohen Chibinen-Gipfel erst wirklich zur absolut lohnenden Freeride-Destination am Ende der Welt.

Ski-Traum im Wilden Osten
Oleg – ein Energiebündel mit Alleinunterhalter-Qualitäten – besteht darauf, dass Katrin, die einzige Frau in unserer Gruppe, bei ihm hinten auf der Maschine sitzt. Mir wird ein Seil mit einem abgesägten Skistock am Ende in die Hand gedrückt. Dann heulen die Motoren auf. Oleg fährt vorsichtig an und gibt Vollgas, als das Seil gespannt ist. Mit Tempo 70 und dem Gefühl von Freiheit und Abenteuer jagen wir durch die weiße Prärie im Wilden Osten. Zehn Minuten später tauchen im aufgewirbelten Schnee die Schornsteine von „25 Kilometer“ wieder auf. Braun- oder Steinkohlegeruch liegt in der Luft. Wir drehen mehrmals noch die Runde. Zwischendurch haben die Schneemobilfahrer Pause, und wir zeichnen unsere Lines in die baumlosen Hänge in Liftnähe.

Mit Skistiefeln in die Sauna
Der gelungene Skitag mit einem steilen Couloirs als Abschluss-Run endet in einer Sauna am Rande des Industriegebiets von Kirovsk, einer schmucklosen Kleinstadt, wo wir in einem ebenso schmucklosen, aber sauberen Hotel nächtigen und der Schnee sich an den Straßenrändern meterhoch türmt. Zeit zum Umziehen blieb keine. So stapfen wir in Skistiefeln in die Umkleide und nehmen vor dem ersten Saunagang ein Glas Wodka zur Brust.

„Das ist hier so Sitte“, klärt uns Mathias auf. Er hat den Trip an den Polarkreis organisiert. Mit Schweißperlen auf der Stirn muss er erzählen, wie man um alles in der Welt er auf das Chibinen-Gebirge mit einem Durchmesser von gerade mal 45 Kilometern als Freeride-Spot stößt. Eigentlich habe er im Internet nach einem neuen Gebiet im südlichen Ural gesucht, berichtet Mathias, der, wenn er mit seinem Snowboard nicht gerade in Russland, Usbekistan oder Kirgistan unterwegs ist, Konzertbühnen aufbaut.
Dabei fiel ihm ein Foto mit verschneiten Bergen, steilen Flanken und Industrieanlagen im Hintergrund auf. „Aber die Berge im Ural sehen anders aus“, dachte sich Mathias. In der Tat war das Bild falsch verlinkt und zeigte Kirovsk mit Umgebung. Dort wird nicht nur Apatit für die Düngerherstellung abgebaut, es gibt auch ein paar Lifte, fand Mathias heraus. Dann kam ihm noch die Idee mit den Schneemobilen. Und deshalb sind wir jetzt hier.

Tief im Chibinen-Gebirge
Am nächsten Morgen, nach einem deftigen Frühstück mit zwei Bockwürsten und einem Berg trockener Nudeln, warten Oleg und die anderen Schneemobilfahrer vor einer Fabrikanlage auf uns. Wir werden heute tiefer ins Chibinen-Gebirge eindringen und in einer alten Geo-Station übernachten. Zuerst rasen wir durch ein enges Tal, das sich später öffnet und von der Sonne perfekt ausgeleuchtet ist. Ich fühle mich hinten am Seil wie die Reinkarnation des Marlboro-Manns. Es ist frisch, aber keineswegs zu kalt, um die halbstündige Fahrt durch diese atemberaubende, menschenleere Landschaft nicht genießen zu können.

Die alte Geo-Station besteht aus einem Hauptgebäude und mehreren Holzhütten, ein pittoreskes Ensemble. Dimitry, der im früheren Leben Microsoft-Eventmanager in Moskau war, bevor er dem Trubel der Großstadt in die Einsamkeit der Chibinen entfloh, schenkt uns heißen Tee ein. Außer uns hat sich noch eine Gruppe russischer Skidoo-Piloten einquartiert, die einfach nur so durch die Gegend rasen. Es seien auch schon Gäste aus Thailand und Südafrika da gewesen, erzählt der freundliche Dimitry. „Die wollten mal richtig Winter und Kälte spüren.“ Und das, wenn schon keinen Luxus, kann er hier bieten.

Lange Tage am Polarkreis
Als wir die warme Stube verlassen, haben sich Wolken vor die Sonne geschobenen. Es dauert noch die obligatorischen zwei Zigarettenlängen, bis unsere Chauffeure endlich die Motoren starten. Die Schneemobile sollen uns erstmals auf die Berge bringen. Oleg, mit Katrin auf dem Sozius, führt den Konvoi an. Doch schon an der ersten ernsthaften Steigung graben sich die Gefährte im Powder ein. Die Männer an den Gashebeln geben alles, werfen sich mal auf die eine, dann wieder auf die andere Seite ihrer Maschinen, versuchen wippend, das Absaufen zu verhindern. Es hilft nichts. Oleg, sonst immer der Spaßvogel, steigt fluchend von seiner „Arctic Cat“ und kann sich gar nicht mehr beruhigen. Günter, der perfekt russisch spricht, weigert sich, den wüsten Wortschwall zu übersetzen. Schließlich spuckt Oleg kräftig in den Schnee, dann ist erst einmal Ruhe. Wortlos buddeln wir mit den Lawinenschaufeln die Maschinen frei. Keiner sagt es, auch nicht Tilo, aber alle denken: „Da kommen wir nie hoch.“ Doch unsere Fahrer geben nicht auf, legen ohne uns als Ballast eine Spur an. Und schließlich klappt es auch mit uns an den Seilen. Aber als wir oben mit total übersäuerten Armmuskeln und verkrampften Fingern ankommen, gleicht die Bowl mit ihren steilen Lines einer Waschküche, aus der fortwährend dicker Dampf aufsteigt. Nach ein paar Fahrten auf flacheren, nebelfreien Hängen treten wir den Rückzug an.

"Einer geht noch"
Dimitry serviert in der Geo-Station Elchrouladen. Es folgt ein ausgedehnter Mittagsschlaf. „Wir haben Zeit“, hatte uns Mathias beruhigt. „Mitte März sind die Tage am Polarkreis schon recht lang.“ Kurz vor 17 Uhr bricht Hektik aus. Die Wolken haben sich endlich verzogen. Schnell rein in die Skiklamotten und rauf aufs Schneemobil. Fast hätte die späte Auffahrt problemlos geklappt. Aber kurz vor dem Ziel wirft Andrej seine Maschine mit Tilo auf dem Sozius um. Sein Karbonstock bricht ab und wird mit Klebeband notdürftig repariert. Trotz des Malheurs wird es auch für Thilo ein unvergesslicher Run unter einem rosafarbenen Abendhimmel, der fast schon kitschig ist. „Einer geht noch“, verkündet Mathias nach dem Abschwingen bei den Schneemobilen. Und kurz nach 19 Uhr stehen wir erneut am Grat, bereit für die Sundowner-Abfahrt.

Sauna und Wodka
Im Scheinwerferlicht der Schneemobile und mit Sturmhauben unter den Helmen erreichen wir die Geo-Station. Minus 18 Grad – erstmals kriecht die Kälte so richtig in die Glieder. Dimitry heizt die Sauna in einer urigen Holzhütte an und stellt eine Flasche Wodka dazu. Das Schockbad im Fluss nach jedem Saunagang ist Männersache. Katrin, die laut Mathias am Berg „die größten Eier“ von uns hat, muss hier passen. Der feuchtfröhliche Abend findet in der Gaststube seine Fortsetzung. Plötzlich ruft Dimitry „Polarlights“. Seine deutschen Gäste hechten zur Tür. Die Russen schütteln sich vor Lachen und bleiben vor ihren Wodka-gläsern sitzen. Tatsächlich ist draußen am Firmament ein heller, leicht grünlicher Schein zu sehen. Dazu funkeln die Sterne am Polarhimmel, und unter den Hausschuhen knirscht der kalte Schnee, ganz so wie wir uns das vorgestellt hatten.

Alaska-Feeling in Russland
Es wird ein langer Abend mit Wodka und Thunfisch aus der Dose, an dem wir die deutsch-russische Freundschaft vertiefen, auch wenn sich nur Günter und Mathias mit unseren russischen Brüdern wirklich unterhalten können. Am Morgen danach ist der Kopf erstaunlich leicht. Dennoch tut die frische Luft auf den Schneemobilen gut. Günter und Elmar sitzen heute selbst am Lenker und machen ihre Sache bestens. Dabei hat die Einführung keine fünf Minuten gedauert. Wieder steuern wir ein neues Revier an, eine riesige Bowl mit steilen Lines und so vielen Möglichkeiten, dass wir den ganzen Tag dort verbringen. Pausenlos schnurren die Schneemobile auf und ab, der Shuttle-Service auf das Plateau funktioniert perfekt. Die Szenerie ist grandios und respekteinflößend zugleich. Zwar versperren Felsen an vielen Stellen den Zugang zu den Hängen, aber Mathias kennt die Einstiege. Die Sonne strahlt, und in den Tanks ist noch reichlich Sprit. Alaska-Feeling statt Skifahren im Industriegebiet – „25 Kilometer“ scheint so weit weg zu sein und ist doch so nah.


Inhaltsverzeichnis

19.02.2013
Autor: Roland Wiedemann
© planetSNOW
Ausgabe 03/2012