Freeriden in Chile

Endloser Ski-Winter – im Sommer!


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PlanetSNOW Chile
Foto: Michael Neumann

 

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Foto: Michael Neumann
Sie können vom Winter auch nicht genug bekommen? Dann hätte planetSNOW was für Sie. Eine Portion Tiefschnee, mitten im August. Garantiert. Wie das? Nun, die Puma Lodge, eine Fünf-Sterne-Heliski-Basis in Chile, birgt im ewigen Eis der Anden ein Schätzkästchen für Skifahrer. Michael Neumann, der dort jüngst einen Filmdreh begleitete, weiß mehr.

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Wie bitte, hier soll man Ski fahren können? Die Anfahrt zur Puma Lodge, etwa 80 Kilometer südlich von Santiago de Chile, lässt erhebliche Zweifel aufkommen. Die Staubwolke hinter unseren Autos zieht sich kilometerweit, und neben der Schotterpiste sprießen Kakteen. Die Berge am Horizont sind allenfalls angezuckert. Die Staubwolke wird erst kleiner, als uns zwei Gauchos zu Pferd, die ein paar Rinder vor sich hertreiben, in den ersten Gang zwingen. Zum perfekten Sujet eines schlechten Italo-Western fehlen nur noch rollendee Tumbleweed-Büsche und Ennio Morricone im Autoradio.

Ski und kurze Hosen
Doch ich kann meine Mitreisenden, deren fragender Blick immer verzweifelter wird, beruhigen. Die Puma Lodge liegt auf 1300 Meter, und selbst im Hochwinter – also jetzt im August – reicht die Schneegrenze in dieser Region selten tiefer als 2500 Meter. Die Bilder von der Lodge als Winterwonderland, so wie man sie auf deren Homepage fi ndet, sind zwar nicht manipuliert, wohl aber an einem der wenigen Ausnahmetage entstanden, an denen es über Nacht bis auf 1000 Meter runterschneit. Oft braucht die Sonne dann keine 3 Stunden, um die weiße Pracht wieder wegzuschmelzen. Überhaupt muss man sich den Winter in Südamerika etwas anders vorstellen als das Pendant auf der Nordhalbkugel. Lange Frostphasen und wochenlanges Schmuddelwetter sind im Tiefland rund um die Hauptstadt Santiago selten, stattdessen erreichen die Nachmittagstemperaturen bei Sonnenschein auch mal 20 Grad und mehr. Und stand die Apfelplantage, die wir eben passiert haben, nicht bereits in voller Blüte? Kurze Hose und T-Shirt sollten also im Reisegepäck nicht fehlen. Der Winter selbst spielt sich in der Mitte des über 4000 Kilometer langen Landes großteils in den Hochlagen der Anden ab. So wundert es nicht, dass die Talstation von Valle Nevado, dem größten Skigebiet Chiles, auf 2860 Metern liegt.

Wer zum Skifahren nach Chile fliegt, will neben Höhenmetern in perfektem Powder natürlich auch das Komplettpaket in Sachen Reisen mit Haut und Haaren. Und da passt unsere Anreise schon ganz gut ins Bild. Klar, wir hätten auch das Angebot der Lodge, uns direkt mit dem Heli am Flughafen abzuholen, annehmen können. Doch erstens gab das unsere Brieftasche nicht im Ansatz her, und zweitens ist so eine Autofahrt durch unbekanntes Terrain doch oft der Anfang zu einem ganz besonderen Abenteuer – und wenn es halt nur das Staubschlucken vom Vordermann ist.

Kurz vor der Lodge zieht die Straße noch mal so richtig an, und der Zustand wechselt von besserer Feldweg zu gerade eben noch fahrbar. Drei Serpentinen später stehen wir vor der Puma Lodge. Sie gehört zur Kette der Noi-Hotels, die an fünf exklusiven Standorten, darunter die Atacama-Wüste, die Osterinseln und Patagonien, Herbergen der Extraklasse betreibt. Die Puma Lodge, ein rot gestrichener Holzbau am Fuß einer als Lawinenabweiser dienenden Felskanzel, bietet 24 Einzelzimmer mit WLAN, Schwimmbad, Sauna, Hamam, drei Hot Tubs, Fitnessraum, Yogaraum, Kletterwand, Billard, Tischtennis und den obligaten Kamin inmitten einer ausladenden Sofalandschaft in Barnähe.

 

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Foto: Michael Neumann Ein etwas anderer Sommer.

Rückkehr ins Powderparadies

Als ich vor 3 Jahren erstmals hier war, war die Lodge gerade mal 14 Tage in Betrieb, und es fehlte noch an allen Ecken uns Enden. Jetzt ist alles picobello, und wir werden freudig von Franciso Medina begrüßt, dem Chef von Chilean Heliski, der die Lodge mit initiiert hat. Mit Franciso war ich beim ersten Mal so verblieben, dass ich beizeiten wiederkommen würde – und neben Kamera und Notizblock auch ein Filmteam samt Protagonisten mit ausreichend Taschengeld fürs Kerosin mitbringen würde. Das unendlich scheinende Terrain der Puma Lodge ist schließlich prädestiniert für bewegte Bilder und die große Leinwand.

Et voilà. Als Fahrer mit dabei sind die Zillertaler Roman Rohrmoser und Lukas Ebenbichler, der Chiemgauer Christian Reichenberger und Quotenhesse Felix Wiemers – der sein Handwerk allerdings nicht auf der Sackpfeife, sondern ebenfalls im schönen Zillertal gelernt hat. Der Filmer hört auf den schönen Namen Henrik Edler von Burgringen Janda-Eble, wir dürfen ihn allerdings mit seinem Spitznamen anreden: Henne. Ihm assistiert Jonas Abendstein vom Video-Startup Graupause.

Auf was ich mich da als Fotograf, der es gewohnt ist, Skifahrer schnell und effizient aus der Hüfte zu schießen, eingelassen habe, wurde mir schon beim Einchecken klar. Stolze 11 Kisten und Taschen Filmausrüstung mit ingesamt 317 Kilo Gewicht verlangten nicht nur beim Bezirzen der Dame am Check-in echten Einsatz. Hennes Tipp: Noch vor dem Reisepass einen Strauß Blumen überreichen.

Allein die Hälfte des Gepäckbergs ist dem Umstand geschuldet, dass wir aus zwei Perspektiven filmen wollen. Ein Kameramann aus dem Heli, einer vom Gegenhang. Dazu noch die GoPro-Aufnahmen der Fahrer, fertig ist die Schussfahrt aus drei Blickwinkeln. Aufgenommen wird in 4K mit einer Red Epic und einer Sony NEX FS700.

Den ersten Abend verbringen wir mit Franciso vor dem Laptop und über eine Landkarte gebeugt und versuchen, Linien, Expositionen und Flugzeiten in Einklang zu bringen, um aus unserem Budget maximal viele Filmminuten zu quetschen. Vorteil Puma: Anders als beispielsweise in Alaska liegen die ersten Abfahrten in Sichtweite der Lodge. Wer mag, kann um 8 Uhr früstücken und 15 Minuten später bereits den ersten Schwung in den Andenpowder setzen.

Nachteil Puma: das Terrain ist derart groß und variantenreich, dass man beim Anflug zur am Vorabend ausgesuchten Bergflanke noch 20 andere Varianten erspäht, die noch eine Spur lohnender erscheinen. Da braucht es schon eine gewisse Portion Gleichmut, den ursprünglich gefassten Plan durchzuziehen. Bei unserer Mission sowieso, denn bedingt durch den zweiten Kameramann müssen wir eh jede Strecke doppelt fliegen, da pro Heli neben Pilot und Guide nur vier Personen Platz finden. Die klassische Besetzung eines „Filmships“, wie der Heli bei den US-Skifilmproduktionen gennant wird, sind zwei Skifahrer, ein Fotograf und ein Kameramann. Einen Skifahrer zu streichen, verbietet sich, da im Falle eines Lawinenunfalls wenigstens ein zweiter Fahrer im Hang sein sollte, um helfen zu können. Auch sehen vier Augen mehr als zwei, und die Fahrer können sich so gegenseitig einweisen und geplante Linien aus zwei Winkeln beurteilen.

 

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Foto: Michael Neumann Heli-Skiing at its best!

Die Wahl der Waffe

Es ist jedes Mal ein erhabenes Gefühl, wenn ein Heli seine Turbine anwirft und der Rotor sich zu drehen beginnt. Von den Schmetterlingen im Bauch, wenn man letztlich drin sitzt und der Pilot im Handumdrehen abrupte Richtungswechsel einleitet, ganz zu schweigen. Quartettspieler aufgepasst: unser Modell ist der besonders leistungsstarke Eurocopter AS 350 B3, der seit 2005 mit einer Landung auf dem Everest den bis heute gültigen Höhenrekord für zivile Helikopter aufstellte. Ganz so hoch geht es rund um die Puma Lodge zwar nicht, doch an die 5000 Meter können die Landeplätze schon mal hoch sein. Für solche Manöver, noch dazu bei dem in den Anden beständig blasenden Höhenwind, braucht es neben der richtigen Maschine auch den richtigen Piloten. Unserer heißt Maurizio, war einst bei der Chilenischen Luftwaffe, hat 20000 Flugstunden auf dem Buckel und fliegt im Sommer die Kameramänner bei der Rallye Dakar. Ein feiner Kerl ist er obendrein. Stets ein offenes Ohr für die Wünsche von Kameramann und Fotograf, genießt er die neue Aufgabenstellung sichtlich.

Um ein Gefühl für die Schneebeschaffenheit zu bekommen, absolvieren wir zunächst eine Touristenabfahrt. Nicht zu lang, nicht zu steil, gleichmäßiges Gefälle, keine Cliffs. Die Analyse ergibt: 20 Zentimeter frisch auf einer weichen Unterlage. Die Analyse ergibt auch: nach 3, 4 Monaten ohne Skifahren werden die Jungs wohl nicht gleich bei der ersten Ausfahrt ihren Triplecork auspacken.

Was aber auch gar nicht nötig ist, denn Ziel des Filmes soll es sein, nachvollziehbares Heliskiing in traumhafter Landschaft zu dokumentieren. Die Berge sind der Star, nicht die Athleten.

Ganze drei Abfahrten erarbeiten wir uns an diesem Tag – im wahrsten Wortsinn. Dafür sind die Runs aber auch endlos lang. Höhenmeterkönige sind Roman und Felix, deren Nonstop-Synchronabfahrt über geschätzte 1800 Höhenmeter trotz Hand am Gas und ordentlich Druck auf der Kante gefühlte fünf Minuten dauert.

Während Wetter, Schneelage und Gelände kooperieren, kämpfen wir jedoch zusehend mit den hohen Temperaturen. Warum nur muss es bitte im Monat August, wo das Temperaturmittel in Santiago bei 8 Grad liegt, ausgerechnet den 40 Jahre alten Rekord von 32 Grad knacken? Entsprechend hoch liegt auch die Nullgradgrenze bei 4000 Meter. Logo, da bleiben uns noch 1000 Meter Luft nach oben, doch so richtig stauben tut es auch in höchsten Lagen nicht mehr. Schade Marmelade. Aber Franciso weiß zu beruhigen. Der Schnee in den Anden sei besonders trocken und binnen der Nachtstunden daher in der Lage, sich zu erholen. Ganz anders, wie man das aus den Alpen kennt, wo „rotten snow“ unabhängig von den Temperaturen „rotten snow“ bleibt. Zudem stehen uns mit dem Heli alle Expositionen offen, und Ortswechsel dauern Minuten, nicht Stunden.

 

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Foto: Michael Neumann Filmdreh inklusive.

Wenn die Kamera läuft, dann …

Manöverkritik. Nach dem Abendessen treffen wir uns mit Laptop am Kamin. Da die Gruppe noch nicht oft zusammengearbeitet hat, ist es wichtig, die Fehler des Tages aufzuarbeiten, um es tags darauf besser zu machen. Und dann wollen noch die Handyfotos der Fahrer, geschossen im Vorbeifliegen, einer Machbarkeitsstudie unterzogen werden. Geht die Rinne trotz 10 Meter Absatz mittendrin? Wo war doch gleich diese Wand mit den vielen Pillows? Und ist der Schatten im Auslauf vielleicht eine Gletscherspalte?

Im Anschluss dürfen die Fahrer in den Hot Tub, während die Filmer am Ende eines 14-Stunden-Tages ihr Material sichten, Optiken putzen und Backups erstellen. Hat da einer was von Urlaub gesagt?

Am zweiten Tag der Dreharbeiten stehen verstärkt Shots aus dem fliegenden Heli auf der Wunschliste. Leider haben wir nicht den Etat einer Red-Bull-Produktion à la „The Art of Flight“, bei der alle Heliaufnahmen mit einem Cineflex-System entstanden sind. Bei diesem wird die Kamera in einem schwenkbaren Gehäuse fix vorne am Heli montiert. Der Filmer kann so vom Beifliegersitz die Kamera steuern und mittels Bildschirm sofort sehen, was die Stunde geschlagen hat. Ein weiterer großer Vorteil: Da in Flugrichtung gefilmt wird, sehen Pilot und Filmer das Gleiche und der Pilot kann so intuitiv seinen Flug dem Bildwinkel anpassen.

Unsere Variante nennt sich „door-off“. Jonas hängt, gesichert mit einem Klettergurt, halb aus dem Heli und filmt im 90-Grad-Winkel zum Piloten über die Kufe. Ich sitze hinter ihm und versuche zum einen, den Piloten so zu dirigieren, damit Jonas immer einen guten Winkel auf die Action hat, zum anderen will ich selbst auch noch ein paar Bilder ergattern, ohne Jonas aus dem Heli zu schubsen. Damit Jonas die Shots nicht verwackelt, hat er einen Aufsatz-Gyro unter die Kamera geschraubt. Dieses Wunderteil muss man sich vorstellen wie diese Powerbälle fürs Unterarmtraining. Mit einer Schnur angeworfen, wird eine Metallkugel in einer Schale mit gegenläufigen Bewegungen beschleunigt. Die dabei entstehenden Kreiselkräfte machen das 200 Gramm schwere Trainingsgerät gefühlt bis zu 16 Kilo schwer. Ähnlich funktioniert der Kamera-Gyro: In ihm rotieren drei Schwungscheiben, angetrieben von einem E-Motor, um drei Achsen. Für das entstehende Gesamtgewicht von rund 30 Kilo sollte man seine Bauch-Beine-Po-Einheiten im Fitnessstudio rechtzeitig an die Hantelbank verlegen.

Bei den Abfahrten liegen Triumph und Trauma wieder einmal dicht beieinander. Während Gri die Übersicht behält und zwei saubere Top-to-bottom-Linien in den Schnee zieht, haben die anderen drei weniger Glück. Lukas schnallt gleich beim Landen seines Drop-in ab, und Roman und Felix panieren sich bei ihrer zweiminütigen Synchronfahrt insgesamt 3-mal. Das Problem ist der weiche Schnee, der beim Landen derart bremst, dass jede Bindung auslöst, mag sie auch noch so fest eingestellt sein. Felix finaler Tomahawk allerdings sieht in Zeitlupe absolut kinotauglich aus, wie wir beim abendlichen Sichten des Materials feststellen.

Die Extraportion Powder

Wer nicht über Cliffs springt, so wie Sie und ich, hätte aber auch bei solch erschwerten Bedingungen keinen Grund zur Klage. Solange die Sicht mitspielt, bewegen sich die gefahrenen Höhenmeter an jedem Flugtag schnell im fünfstelligen Bereich. Und das Auge fährt immer mit, wenn es vorbei an gewaltigen Gletscherbrüchen geht, während linkerhand die Vulkane am Horizont aufblitzen, rechts der Aconcagua schemenhaft dräut und voraus die Sonne sich anschickt, im Meer zu versinken.

Und wer es schafft, die 1500-Meter-Abfahrt Zöpfchen flechtend und am Stück zu absolvieren, muss abends an der Bar sicher keinen Drink selbst zahlen. Die überall kreisenden Condore sollte man dabei nicht persönlich nehmen, die warten nur auf gute Thermik, nicht auf ihren Sturz.

Nach vier Flugtagen bei strahlendem Sonnenschein, bester Sicht und mit zwei Dutzend erstklassiger Big-Mountain-Lines sowie diversem Rahmennonsens im Kasten, satteln wir schließlich die Pferde. Wieder einmal haben wir nur an der Oberfläche dessen gekratzt, was die Puma Lodge an Terrain zu bieten hat. Doch zum einen ist unser begrenzter Helietat aufgebraucht und bei Red Bull geht keiner ans Telefon, zum anderen braucht man ja auch noch einen Grund, wiederzukommen. Franciso, wir sehen uns im Sommer 2014 – denn da wäre noch diese Felsflanke mit den fünf Pillows in perfekter Ausrichtung zum Sonnenuntergang …


Inhaltsverzeichnis

01.03.2014
Autor: Michael Neumann
© planetSNOW
Ausgabe 01, 2014/2015/2014, 2014/2015