Freeride-Ski and Sail: Stjernøya, Norwegen

Auf Ski und per Boot zu den besten Freeride-Spots


Zur Fotostrecke (12 Bilder)

Ski Sail Norwegen Freeride
Foto: Mattias Fredriksson

 

PlanetSNOW Reise Ski and Sail Norwegen
Foto: Mattias Fredriksson

 

PlanetSNOW Reise Ski and Sail Norwegen
Foto: Mattias Fredriksson

 

PlanetSNOW Reise Ski and Sail Norwegen
Foto: Mattias Fredriksson

 

PlanetSNOW Reise Ski and Sail Norwegen
Foto: Mattias Fredriksson
Die norwegische Insel Stjernøya ist ein Traumziel für Skitourengeher. Vom Boot aus erkundet man mit Captain Charles und seinem Bergführer die polaren Powder-Schätze. Lauchsuppe, Märchenwald und Mitternachtssonne inklusive!

Lesen Sie in diesem Artikel:


Das Schiff dümpelt gemütlich auf der ruhigen See. Captain Charles Wara löffelt den letzten Rest seiner Lauchsuppe aus. Die anderen Skifahrer an dem dicken Holztisch schlürfen bereits lautstark ihre zweite oder dritte Portion und haben ihm nicht viel übrig gelassen. Trotzdem ist Charles für seinen Anteil dankbar. Nach diesem langen, aber wunderbaren Tag in den Bergen braucht er neuen Brennstoff – und sei es nur, um für die gefräßige Truppe noch ein Abendessen kochen zu können.

Später, so um 21 Uhr abends (das weiß man nie genau, weil die Sonne wie ein Donut am Himmel kreist, mal hier einen Schatten wirft und mal dort einen Hang erhellt), erhitzt Charles einen Kessel Bacalao – das portugiesische Gericht, das er mit norwegischem Kabeljau, Kartoffeln, Zwiebeln, Tomaten und Oliven zubereitet. Und er serviert den einheimischen Reinskav, einen traditionellen Sami-Eintopf mit sautiertem Rentierfleisch. Danach hängen wir auf dem Deck ab und genießen mit nacktem Oberkörper die sonnige Wärme, die für Ende Mai so weit oberhalb des Polarkreises sehr ungewöhnlich ist.

Wir lesen, schreiben oder schauen den Delfinen und Seeadlern zu. Wir vergleichen unsere Landkarten mit den Lines, die wir auf den Bergen am Horizont entdecken. Wir zählen die gewaltigen Wasserfälle, die den Fjord wie silberne, in einen grünen Wandteppich eingewebte Fäden säumen. Und obwohl es unser erster Tag an Bord der S/Y Goxsheim ist und die meisten von uns südlichere Abschnitte dieser gebirgigen Küste schon gut kennen, haben wir alle den gleichen Gedanken: „Das ist der beste Trip aller Zeiten!“

Der Tag begann früh mit einem Schlauchboot-Shuttle zu einem schwarzen Sandstrand, an dem gurgelnde Bäche in den Fjord mündeten. Wir wanderten über Grasböschungen und dann über sanft aufsteigende Wiesen mit Matsch und Schnee. Schließlich gelangten wir zu dem hier allgegenwärtigen, märchenhaft en Zwergbirkenwald, der die Hügel wie Hula-Röcke umringt. Mit den Fellen unter den Ski stiegen wir nach oben, während der Wald immer lichter wurde. Wir erreichten ein langes Plateau, wie es typisch für die flachen Gipfel dieser Gegend ist. Nach einigen Stunden saßen wir auf einem überhängenden Felsvorsprung und ließen weit über dem Fjord, in dem die Goxsheim ankerte, die Füße baumeln.

 

PlanetSNOW Reise Ski and Sail Norwegen
Foto: Mattias Fredriksson

Vorsicht Rentiere!

Die Abfahrt begann in einem flachen Becken, das sich zu einem steilen Hang verengte. Von Rinne zu Rinne suchten wir den Weg durch perfekten Schnee, umfuhren alte Lawinenablagerungen und landeten schließlich am Fuß eines langen, walförmigen Hügels. Dort fragte unser Guide Per Ås, ein in La Grave lebender Schwede: Sollten wir durch diese Rinne dort direkt zum Strand abfahren, an dem wir gelandet waren? Oder wollten wir einen 20-minütigen Hike in das unbekannte Tal auf der anderen Hügelseite unternehmen? Chad Sayers, Mattias Fredriksson, Janne Tjärnström, Klas Granström, Captain Charles und ich kannten nur eine Antwort: Wir klebten wieder die Felle unter die Ski. Bald umkurvten wir einen gefrorenen, aquamarinblau schimmernden See und kamen zu einem metertief eingeschneiten Hang, der von Felsen gesäumt war und wie eine kilometerlange Halfpipe aussah.

Den Spaß, der dann folgte, hatte niemand erwartet, ebenso wenig wie die Rentierherde, in die wir oberhalb des Märchenwalds fast hineingerast wären. Unten hatten sich die am Morgen noch so friedlichen Bäche in reißende Flüsse aus Schmelzwasser verwandelt. Die Skandinavier wateten wie bewaffnete Wikinger durch die Strömung. Sayers und ich bevorzugten die kanadische Art: Wir zogen die Boots aus, krempelten die Hosen hoch und gingen barfuß über Eis, Moos, Schnee, Gras, Schlamm und Sand zur anderen Seite des Strands. Auf der Goxsheim hängten wir unsere schweißtriefenden Klamotten in die Takelage, sprangen vom Vordeck in die eiskalte See, tranken ein kühles Bier und verschlangen unsere Suppe.

Besseres Gelände, besserer Schnee, alles besser!

Genau wie dieser erste wird auch der nächste Tag verlaufen. Und der übernächste ebenso. Eigentlich geht es die ganze Woche lang so – und zwar nie am gleichen Ort. Oft müssen wir mit der Karte in der Hand unseren Weg suchen. Meist hiken wir 7 Stunden aufwärts, um dann bei Traumwetter von einem namenlosen Gipfel abzufahren. „Besser geht’s nicht!“, schwärmen wir immer wieder. Aber an jedem nächsten Tag wird es doch noch einmal besser: Besseres Gelände, besserer Schnee, alles besser!

Eigentlich ist das auch kein Wunder. Schließlich befinden wir uns in einem der magischsten und einsamsten Gebirge der Welt. Nur die Erreichbarkeit war immer ein Problem. Vor einigen Jahrzehnten hatte es schon einmal großes Interesse an Norwegen gegeben. Wegen des oft grausigen Wetters schlief es allerdings schnell wieder ein. Doch dann entwickelte der italienische Bergführer Lucas Caspari in den 1990er-Jahren das Konzept „Ski & Sail“, das seitdem in den Lyngenalpen für Verzückung sorgt. 2005 begann Lyngen-Veteran Per Ås seine Zusammenarbeit mit Charles. Dieser hatte die Goxsheim, einen 25 Meter langen Zweimaster, ursprünglich für eine Weltumseglung gekauft. Zur Finanzierung dieses Projekts bot er Segeltouren an – zunächst im Sommer, dann aufgrund der hohen Nachfrage durch Skitourengeher zunehmend auch im Winter nördlich von Lyngen.

Damals war Charles nur Langläufer. In der ersten Saison chauffierte er seine Gäste auf der Goxsheim, ohne sie beim Skifahren zu begleiten. Aber das Boot wurde bei Bergführern und ihren Gästen immer beliebter. Charles wurde neugierig und besorgte sich ein Skitouren-Set. Wenn das Wetter gut war und das Boot sicher ankerte, ging er fortan mit seinen Gästen auf Tour – und war schnell angefixt. Vom Langläufer konvertierte er zu einem Anhänger des Skitourengehens. Er begann, die abgelegenen, unberührten Regionen nordöstlich von Lyngen zu erkunden, besonders die fjordreichen Ufer oberhalb von Alta rund um Stjernøya – der „Sterneninsel“, die allerdings mehr einer Faust mit 9 Fingern gleicht. Sie liegt in der Finnmark, die weit im Norden Norwegens an Finnland und Russland grenzt und den Vorteil hat, dass der Schnee lange liegen bleibt sowie relativ sicher ist. Hier verbringen auch wir den Großteil unseres Trips.

 

PlanetSNOW Reise Ski and Sail Norwegen
Foto: Mattias Fredriksson

Immer andere Fjords

Jeden Tag ankern wir in einem anderen Fjord, um einen neuen Berg zu erforschen. Die ersten zwei Fjorde liegen noch am Festland. Dann geht es nach Stjernøya. Unsere erste Tour auf der Insel beginnt an einem breiten Strand, auf dem das leere Haus und die Ställe eines Rentier-Hirten stehen; darum herum ein weißer Lattenzaun voller alter Fischernetze. Der Hirte wird seine Herde auf einer Barkasse hierherbringen, sobald die Weibchen gekalbt haben. Im Herbst schwimmen die Tiere dann die fünf Kilometer zurück zum Festland. Wir dagegen hiken das Tal hinauf und dringen fünf Kilometer tief in die alpine Bergwelt ein. Dieser Fjord ist ausnahmsweise nach Süden ausgerichtet, so dass uns die Wärme zu schaffen macht. Aber die nachmittägliche Abfahrt zurück zum Strand ist die längste, die wir bisher absolviert haben. Eine volle Stunde lang genießen wir den frischen Fahrtwind und das vielseitige Gelände. Dann folgt der schweißtreibende Rückweg zu Fuß zur Farm.

Unsere Tour am nächsten Tag beginnt an einem winzigen Dorf. Wir passieren einen kleinen See, auf dem ein Ruderboot rot vor der tief verschneiten Umgebung leuchtet. Wie jede Tour führt auch diese uns durch im Holozän geformte Täler auf einen flachen Gipfel, der den Blick auf namenlose Berge eröffnet. Wie jede Tour bietet sie eine fantastische Abfahrt auf Frühlingsschnee, der trotz der Wärme gut hält. Innerhalb von 24 Stunden absolvieren wir gleich zwei solcher Touren. Wir ankern im bisher schönsten Fjord des Trips, gehen schwimmen und pausieren kurz. Nach dem Abendessen brechen wir zu einer kurzen Tour in der Mitternachtssonne auf. Die Temperaturen liegen weit über dem Gefrierpunkt, und die Schwünge im kupferroten Licht sind schlichtweg atemberaubend. Der einzige Nachteil dieser nächtlichen Tour ist, dass wir auf der Goxsheim keine Suppe mehr bekommen, sondern direkt in unsere Kojen fallen.

Schwierige Kletterpassagen und kreisende Vögel

Die beste Tour von allen ist jedoch unsere letzte. Wir starten früher als sonst und müssen uns auch nicht durch das Unterholz des Märchenwalds schlagen. Vom Ufer weg steigen wir auf den Ski eine nördlich ausgerichtete Rinne hinauf. Es ist unsere bisher steilste Tour. Sie führt durch engere Canyons als alle Ausflüge zuvor. Wir traversieren exponierte und steile Hänge. Aber Per und Charles haben die Karten gut studiert. Die lange, weit ausholende Route zum Gipfel eröffnet uns wunderschöne Panoramablicke. Ab und zu müssen wir schwierige Kletterpassagen bewältigen. Am Gipfel kreisen die Vögel über uns, während wir Tee und Sandwiches genießen. Dann ruft das Boot wieder.

Auf dem sanft abfallenden Gipfel dauert es Ewigkeiten, bis wir Tempo aufnehmen. Aber dann rauschen wir hinab. Die Gruppe teilt sich auf. Die meisten folgen Per in ein steiles Kar, während Charles und ich ein längeres Tal im Westen befahren. Unten treffen wir uns an einem gefrorenen Bergsee. Dann führt die Route direkt eine enge Rinne hinunter, die von einem Fluss gebildet wurde. Er endet in einem reißenden Wasserfall, der sich direkt in den Ozean ergießt. Es ist eine verrückte Abfahrt, aber der passende Abschluss: Man sagt ja, dass alles Leben ins Meer zurückkehrt. Auf der ruhigen See dümpelt die Goxsheim und wartet auf unsere Heimkehr.


Inhaltsverzeichnis

25.11.2013
Autor: Leslie Anthony
© planetSNOW
Ausgabe 03/2013