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Freeride-Paradies Stranda

Tiefschnee total: Auf Freeride-Ski in den norwegischen Alpen

Wir schweben in der Gondel hoch zum Roaldshorn in Norwegen. Freeride in Stranda heißt: Im tiefsten Tiefschnee die Hänge runterbrettern und das mit einem atemberaubenden Blick auf den Fjord. Wir nehmen Sie mit auf die Reise.

Stranda, Norwegen, Freeride

Freeriden in Norwegen mit Blick auf den Fjord.
Foto: Mattias Fredriksson


Vor Kurzem stand hier noch ein Tellerlift, mit Aluminiumstange und gratis Hexenschuss beim Anfahren. Da war das Skigebiet von Stranda ein Nostalgietrip in die 1970er-Jahre. Im Fernseher in der Berghütte erwartete man ein Duell zwischen der schwedischen Skilegende Ingemar Stenmark und seinem italienischen Kontrahenten Piero Gros. Jetzt – etwa 20 Millionen Euro später – ist fast alles tipptopp. Beim Ausstieg wählt man zwischen 618 Höhenmetern im offenen Terrain, lichten Birkenwäldern oder dem 8-eckigen Roalden-Pavillon, der auch in jedem österreichischen Skiort stehen könnte. Wir aber fahren ein kurzes Stück mit einem dieselbetriebenen Ankerlift aus der Vergangenheit weiter und steigen auf 1174 Meter Seehöhe aus. Dort geht es auf endlos breiten Hängen 800 Höhenmeter hinab nach Blådalen. Auf der anderen Seite kann man sogar direkt zum Meer hinabfahren.

Gipfel, die den Bergen in Alaska kaum nachstehen.
Foto: Mattias Fredriksson

Alpen, nicht Berge

Von oben genießen wir die einzigartige Aussicht auf den tiefblauen Storfjorden. Das Skigebiet von Stranda liegt auf einem Pass. Wir sind auf der Roaldshorn-Seite. Jenseits der Straße warten ebenso breite Pisten mit ähnlichen Höhenunterschieden: Der Langedalsegga – oder einfach Egga – mit seinen meist mittelschweren Abfahrten. Die Nordseite, die auch nur ein paar Stockschübe von der Bergstation entfernt liegt, hat eine Neigung von mutigen 40 Grad. Man versteht, dass die majestätischen Gipfel hinter dem Egga Sunnmørs-Alpen und nicht Sunnmørs-Berge heißen. Slogen, Brekketindane und Smørskredtindane thronen mehr als 1500 Meter über dem Meer. Hier tummelte sich schon vor 100 Jahren die englische Kletter-Elite, wenn sie nicht gerade in Zermatt oder Chamonix war.

Lange anstiege auf Steigfellen nehme ich gerne auf mich, wenn die Belohnung unverspurter Pulverschnee ist. Es ist Wochenende, zur Mittagszeit, und jeder Skifahrer hat mindestens eine normale Pistenbreite für sich allein. Die Neigung gleicht der in St. Anton, und ich kann mit meinen breiten Rocker-Ski bequem runtersurfen – und zwar richtig schnell. Bei diesem Gelände und dem weichen Pulverschnee macht Ski fahren Spaß. Vor der Baumgrenze halte ich an, denn meine Strickmütze kann es mit den vom Westwind gestählten norwegischen Krüppelbirken nicht aufnehmen. Das weiß ich aus Erfahrung.

...die nächste Line checken.
Foto: Mattias Fredriksson

Stranda ist eine kleine Perle abseits des Skizirkus

Dort oben wird mir endgültig klar, wie fantastisch Stranda ist – oder besser gesagt, durch die Rieseninvestitionen der letzten Jahre geworden ist. Trotzdem ist es fast unbekannt. Zugegebenermaßen liegen mir kleine Skiorte am Herzen. Menschenmassen sind einfach nicht mein Ding. Aber nicht alle kleinen Skiorte sind auch gut. Häufig ist es kein Zufall, dass bestimmte Gebiete groß geworden sind. Höhenunterschied, Terrain, Schnee und Wetter spielen dabei eine bedeutende Rolle. Die Lage ist wichtig. In den Alpen ist man immer gut angebunden, nahe an Städten und Flughäfen. Aber die kleinen Perlen dort haben häufig nicht genug Schnee oder keine abwechslungsreichen Abfahrten. Da hält man es selbst bei gutem Schnee maximal ein paar Tage aus, egal was die Hochglanzbroschüren versprechen.

Meine Lieblingsorte liegen tief im kanadischen British Columbia: Whitewater, Kicking Horse und Fernie. Hier gibt es sowohl Schnee als auch Terrain. Aber es ist nie viel los, weil größere Städte und Flughäfen zu weit entfernt liegen. Und auf dem Weg dorthin locken schon beliebte Skiorte wie Whistler und Banff die Touristen zum Verweilen. Wer also bereit ist, etwas weiter zu reisen, kann in aller Ruhe Tiefschnee fahren. Genau wie in British Columbia gibt es auch in Norwegen ein paar kleine Perlen, die man nicht einfach mal so über das Wochenende erreichen kann. In Røldal – die nächste größere Stadt ist Stavanger – wurde vergangenes Frühjahr die Freeride World Tour ausgetragen. Glomfjord, Narvik im nördlichen Norwegen und Stranda sind weitere Beispiele dafür. Aber nur in Stranda gibt es hochmoderne Lifte.

Das raue Meeresklima hinterlässt Spuren auf den Berggipfeln.
Foto: Mattias Fredriksson

Will man Berge herunterfahren, muss man erst hochsteigen

Die Norweger sind ein Volk der Skifahrer. Der Abfahrtslauf als Sportart wurde Ende der 1860er-Jahre in Morgedal im Distrikt Telemark eingeführt. Sondre Norheim war der erste Star. Bereits 50 Jahre, bevor Sir Arnold Lunn den Sport in den Alpen einführte, sauste er in eleganten Telemark-Schwüngen die Berge hinunter. Der Norweger Roald Amundsen gewann gegen den Engländer Robert Scott den Wettlauf zum Südpol. Und Fridtjof Nansen durchquerte Grönland – natürlich auf Ski. Alle Norweger fahren Ski. Hat ein Schulanfänger keine, bekommt er kostenlos welche. Vor 10 Jahren – bevor der Skilanglauf Europa eroberte – ging die Hälfte der Weltproduktion an die gerade mal fünf Millionen Norweger. Damals dominierten Kjetil André Aamodt und Lasse Kjus auch den Alpinen Ski-Weltcup, und derzeit verfügt das Land mit Petter Northug und Aksel Lund Svindal über absolute Spitzenfahrer, sowohl im Langlauf als auch im Alpinbereich. Ski fahren liegt in der norwegischen DNA.

Der Skisport ist hier so alltäglich, dass man dafür nicht weit reisen will – höchstens zum nächsten Hügel oder Berg. An Winterwochenenden fahren die meisten in ihre Familienhütte auf der ehemaligen Sommeralm. Wenn nicht gerade ein Skilift in der Nähe liegt, unternimmt man Skitouren. Will man Berge herunterfahren, muss man eben erst hochsteigen. So ist es schon immer gewesen, und diese Tradition durchbrechen die Norweger nur ungern. Ganz anders die Deutschen. Sie kennen keine Loyalität, wenn es um gute Skibedingungen geht. Ein Wochenende Zillertal, das nächste Südtirol, und danach eine Woche Kanada. Viele fahren in ihrem VW-Bus dem Schnee hinterher. Norwegens schwedische Nachbarn ähneln den Deutschen. Für weichen Pulverschnee nehmen eher Stockholmer die 930 km als Osloer die 500 km gut ausgebaute Straße auf sich. In Stranda gibt es dementsprechend wenige Besucher.

Gute Freeride-Bedingungen - gewusst wol
Foto: Mattias Fredriksson

Stranda kann sich mit Skiorten in Nordamerika messen

Für mich als Pulverschnee-Junkie ist das ein Traumszenario: Kleiner Skiort mit massenhaft Schnee und fantastischen Liften. Revelstoke in Kanada gehört ebenfalls in diese Kategorie. Dort hat man die Lifte mit dem größten Höhenunterschied Nordamerikas gebaut. Einzigartige Bedingungen. Ski-Asse aus der ganzen Welt strömen herbei. Aber für die Skiliftbetreiber reicht es nicht aus. Sie stecken in großen finanziellen Schwierigkeiten, weil Revelstoke einfach zu weit abseits liegt. In Stranda ist es genauso. Ein Lokalpolitiker mit Visionen, aber ohne jeden Realitätssinn hat 20 Millionen kommunale Euro in Skilifte investiert. Das Ergebnis sind die besten Tiefschneehänge Skandinaviens.

Norwegen ist ein reiches Land. Es steht beim BNP pro Kopf weltweit an achter Stelle, davor liegen fast nur winzige Steueroasen. Damit sind die Norweger reicher als Amerikaner, Deutsche und Schweizer.?Stranda hat die wenigsten Arbeitslosen in ganz Norwegen, die Wirtschaft boomt. Die Norweger essen mehr Tiefkühlpizzen als alle anderen Europäer und, vor allem, Grandiosa-Pizzas. Deren Fabrik liegt genau unterhalb des Skigebiets. Genau wie in den Möbelfabriken sucht man dort händeringend nach Arbeitskräften. Im Dorf trifft man auf alle möglichen Europäer, die hier arbeiten.?Trotzdem ist es der Kommunalverwaltung – mit dem charismatischen Frank Sve von der rechtspopulistischen Fortschrittspartei an der Spitze – gelungen, den Ort total zu ruinieren. Stranda ist die mit Abstand am höchsten verschuldete Kommune Norwegens. 100 Millionen Euro auf nur 4500 Einwohner. Der Haushalt steht unter staatlicher Zwangsverwaltung, und die politische Führung wurde bei den vergangenen Wahlen abgewählt.

Stranda hat massiv über seine Verhältnisse gelebt, wie Griechenland. Aber im Gegensatz dazu läuft in Stranda die Wirtschaft auf Hochtouren. Nur die Kommunalverwaltung ist aus dem Ruder geraten. Man wird die Krise überstehen, und die meisten Investitionen nutzen der Kommune auf längere Sicht: Ein Skigebiet mit zwei hochmodernen Liften und allem Drum und Dran. Außerdem ein Tiefseehafen im Nachbardorf Hellesylt, in dem im Sommer Kreuzfahrtschiffe vor Anker gehen können – und das in atemberaubender Umgebung an einem Fjord mit regem Kreuzfahrtschiffsverkehr.

Um die Kreditbelastung zu verringern, bietet die Kommune derzeit den Löwenanteil der Skianlagen zum Verkauf an. Die Strandaer wollen die Verluste nicht länger tragen. Groß angelegten Skitourismus wird es nicht geben, dafür liegt man zu weit ab vom Schuss. Genau wie Revelstoke. Der Unterschied ist, dass in Stranda die Einwohner die Rechnung bezahlen. Die Einnahmen decken ungefähr die Hälfte der Kosten. Und das Skigebiet rechnet sich einfach nicht. Es gibt lediglich 300 Betten. Selbst wenn diese und alle Privatquartiere komplett den ganzen Winter über ausgebucht sind, bleibt in den Kassen der Skiliftbetreiber nichts übrig. In Stranda fühlt man sich wie in einem exklusiven amerikanischen Skigebiet, das als Private Club betrieben wird. Dort bezahlen Hollywood-Stars Millionen, um nicht an Liften anstehen zu müssen und die Abfahrten allein für sich zu haben.

Clevere Käufer warten ab. Und genau das tun einige große norwegische Unternehmen, die interessiert sind. Skistar als größter Akteur Skandinaviens ist im Spiel. Laut Alpinco muss sich die Besucherzahl mindestens vervierfachen, damit sich ein Engagement lohnt. Ob das taktisches Geplänkel ist oder nicht, wird die Zeit zeigen.

Für uns Skifahrer ist es egal, ob die Kommune oder jemand anderes Stranda betreibt – eine Tipptopp-Anlage mit dem besten Tiefschnee Skandinaviens. Die präparierten Pisten sind erstklassig, lang und kurvenreich. 1990 fand hier ein Riesenslalom-Weltcup-Rennen statt. Bei den Riesenmengen Schnee, die hier fallen, ist es allerdings nur schwer vorstellbar, wie man dabei gleiche Bedingungen für alle garantieren konnte. In Nordamerika stuft man Skiorte danach ein, wie viel Schnee insgesamt in der Saison fällt. Für Tiefschneefahrer ein gutes System. Stranda kann sich mit normalen Skiorten in Nordamerika messen und hat mehr Schnee als die meisten Gebiete in den Alpen. Im Durchschnitt gibt es im Winter über fünf Meter Schnee, in guten Jahren deutlich mehr; 3-mal so viel wie in den großen Skigebieten Skandinaviens: Åre, Hemsedal, Trysil und Sälen.

Es schneit oft in Stranda. Auf der Piste liegen häufig mehr als zwei Meter Schnee. Wenn die Stürme vom Meer heranziehen, fangen die Sunnmørs- Alpen den Niederschlag ab. Meist als Schnee, manchmal auch mitten im Winter als Regen. Bucht man die Unterkunft ein halbes Jahr vorher, muss man auf sein Glück hoffen. Zwei Wochen vor unserer Ankunft konnte man sich im T-Shirt sonnen, dann fielen zwei Meter Schnee. Will man auf Nummer sicher gehen, empfiehlt es sich, je nach aktueller Wetterlage einfach in den Flieger zu steigen. Ansonsten kann man nur auf einen Hauptgewinn in der Pulverschnee-Lotterie hoffen.

Autor: Marten Pettersson

© planetSNOW : Ausgabe 01/2013

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