Freeride mal anders: Skifahren in Marokko

Nordafrika auf Ski erleben


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Ski Skifahren Marokko Marrakesch
Foto: André Schönherr

 

Ski Skifahren Marokko Marrakesch
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Ski Skifahren Marokko Marrakesch
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Ski Skifahren Marokko Marrakesch
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Mit Ski im Königreich Marokko? Das ist für Skitouristen oder Freeskier nicht unbedingt ein alltägliches Ziel. Die beiden österreichischen Freeriderinnen Sandra Lahnsteiner und Melissa Presslaber reisten im März 2012 nach Afrika, um ihren wohl exotischsten Skitrip zu erleben und die Freeride-Möglichkeiten im Hohen Atlas zu erkunden.

Ein traumhafter Winter, Rekordschneemengen und Powder-Alarm an unzähligen Tagen – so präsentierte sich die Saison 2011/12 in den Alpen. Sollten wir im März wirklich nach Marokko fliegen – obwohl der Winter bei uns perfekt war und wir nicht einmal wussten, ob in den Bergen Marokkos überhaupt genug Schnee liegt? Trotz intensiver Recherchen im Internet konnten wir nicht wirklich herausfinden, wie die aktuelle Schneelage war. Doch der Gedanke an Marokko hatte uns nun schon fast ein Jahr nicht mehr losgelassen, und wir freuetn uns sehr auf unser exotisches Skiabenteuer.

Also, „ready for take-off“ am Flughafen München. Schon der Fahrer des Airport-Shuttle fragt drei Mal nach, ob wir mit unserem Skigepäck auch wirklich zu Terminal B wollen. Immerhin gehen von dort vor allem Flüge in die Vereinigten Arabischen Emirate, nach Tunesien und eben Marokko. „Da gibt’s doch gar koane Berg und Schnee!“, meint er zweifelnd. „Oh doch!“, erwidern wir mit der uns größtmöglichen Selbstverständlichkeit. „In Marokko gibt es immerhin acht 4000er!“

Ready to take off - im Bikini oder in Skischuhen?

Unsere Unsicherheit, ob wir hoffentlich auch wirklich unsere Powder-Latten brauchen oder besser nur Bikini und Flip-Flops mitgebracht hätten, teilen wir ihm natürlich nicht mit. Wir wissen, dass wir uns auf ein Abenteuer einlassen ... Den einen oder anderen lustig gemeinten Spruch von Mitreisenden, die allesamt dem intensiven und kalten Winter in Europa entfliehen wollen und die warme Sonne Marokkos schon gar nicht mehr erwarten können, müssen wir uns schon noch anhören, als wir mit Skischuhen als Handgepäck knapp vier Stunden später in Marrakesch im Süd- westen Marokkos aus dem Flugzeug steigen. Okay, unsere obligatorischen Mützen können wir wirklich wegpacken. Es hat immerhin fast 30 °C Lufttemperatur, von Winter keine Spur. Unser Skigepäck in einem der Taxis unterzubringen gestaltet sich als erste mittlere Herausforderung, doch nur für uns – in Marokko ist das kein Problem. Kurzerhand werden unsere Ski quer in den Kofferraum des uralten Mercedes gelegt. Stehen die Skisäcke eben rechts und links hervor. Wen kümmert’s?

Die „Rote Stadt“ Marrakesch präsentiert sich hektisch und laut. Am Platz „Djemaa El Fna“, seit 2001 Weltkulturerbe, werden wir von Schlangenbeschwörern, Feuerschluckern, Affen-Dresseuren und Tänzern geradezu überrannt. Und die Köche der zahlreichen mobilen Garküchen zerren förmlich an uns, um uns zum Verkosten (und Einkaufen) an ihren Stand zu locken. Als Highlights präsentiert sich der Souk, einer der größten Basare des Landes. Mit seinen Töpferwaren, Tüchern, Schmuck, Leder und Gewürzen, mit Rosenwasser, Moschus-Parfüm und bunt schillernden Kräuterelixieren ist er wohl auch einer der üppigsten des Orients.

Die erste Nacht verbringen wir in einem typisch marokkanischen Riad, einem traditionellen Haus mit Garten etwas außerhalb des Stadtzentrums. Es ist riesig, wir sind die einzigen Gäste und fühlen uns wie im Märchen von 1001 Nacht. Nachdem die Informationsbeschaffung über das Internet von zu Hause bezüglich Schnee und Wetter nicht gerade einfach beziehungsweise nahezu unmöglich war, versuchen wir es nun direkt vor Ort. Unser erstes Ziel wäre Oukaïmeden, ein kleines Skigebiet zirka 70 km von Marrakesch entfernt. Aber gibt es dort tatsächlich Skibetrieb, und liegt noch Schnee? Ein paar Telefonate später müssen wir das orientalische Skigebiet von unserer Liste streichen. Der einzige Lift wurde bereits eingestellt, und Schnee liegt dort schon seit Wochen keiner mehr. Die afrikanische Sonne ist stark, und Schnee hält sich nie lange. Angeblich liegt die Schneegrenze derzeit auf etwa 3000 m. Das lässt uns hoffen, denn unser nächstes Ziel ist das Refuge Les Mouflons auf 3100 m. Es liegt mitten im Toubkal-Nationalpark, von wo wir unsere Skitouren starten wollen.

Erstmal Graupel statt feiner Powder

Also machen wir uns am nächsten Tag auf den Weg nach Imlil, einem kleinen Bergsteigerdorf auf 1700 m und Ausgangspunkt für unseren Aufstieg zur Toubkalhütte. Dort angekommen, werden wir von zahlreichen Maultierführern und Guides bedrängt. Es ist kein leichtes Unterfangen, den arbeitswilligen Berbern klarzumachen, dass wir ohnehin bereit sind, den Großteil unseres Gepäcks inklusive Ski selbst zur Hütte raufzutragen und nur die Ausrüstung unseres Kameramanns und Fotografen verstaut und transportiert werden soll.

Die Ruhe und Abgeschiedenheit ist herrlich, die wilde, karge Landschaft fasziniert. Selbst der weiterhin andauernde Regen kann unsere ruhige, positive Stimmung nicht trüben. Wir wandern durch einige Berberdörfer und erreichen nach gut zwei Stunden ein kleines Dorf sowie die bekannte Pilgerstätte „Sidi Chamarouch Mosque“ auf 2350 m. Nach einer kurzen Pause wandern wir nun stetig auf den schmalen Maultierpfaden durch das Mizane-Tal bergauf. Knapp 3 Stunden später erreichen wir endlich unser Ziel, das Refuge Les Mouflons. Aus dem Regen sind harte Graupel geworden, und ein Schneesturm hat uns das Vorankommen in der letzten Stunde deutlich erschwert. Die –10 °C fühlen sich an wie –30 °C. Dazu trägt wohl auch der Temperaturunterschied der letzten 12 Stunden bei, seit wir Marrakesch verlassen haben. Da die Maultiere im Schnee nicht mehr weitergehen können, müssen wir kurzerhand das gesamte Gepäck aufteilen und sind schließlich froh, in der Hütte anzukommen.

Ein mehr oder weniger „Down Day“ mit zunächst miserablen Wetterbedingungen erwartet uns am nächsten Tag. Das gibt uns Zeit, uns auf die Tour auf den Toubkal vorzubereiten, den mit 4167 m höchsten Berg Nordafrikas. Dank eines Wetterfensters um die Mittagszeit können wir schließlich sogar für einen kurzen Hike die Felle anlegen und das Gebiet in der Nähe des Refuges erkunden. Es macht Spaß, die ersten Schwünge im afrikanischen Schnee zu ziehen. Wir wollen mehr. Ein neuerliches Gewitter mit Schneesturm treibt uns allerdings vorerst zurück in die Hütte.

Skifahrer-Traum: Neuschnee im Hohen Atlas

Doch ein Schneesturm bringt bekanntlich auch Neuschnee. Das könnten also DIE perfekten Bedingungen für den Toubkal sein – wenn Abdol, der Refuge-Manager, recht behält und der Himmel morgen am späten Vormittag tatsächlich aufreißen sollte. Wir vertrauen den Locals und starten noch in der Dunkelheit des nächsten Morgens mit unserem Hike zum Toubkal. Dunkelheit, noch immer andauernder Schneefall und Nebel erschweren uns vor allem zu Beginn die Orientierung. Wir kommen nur langsam voran. Doch der Neuschnee erspart uns immerhin das Anlegen der Harscheisen in der steilen Querung der Nordostflanke oberhalb des Refuges. Als sich bei Tagesanbruch dann auch der Nebel lichtet, können wir den Jebel Toubkal bereits sehen. Über den Sattel Tizi Toubkal und den Südwestgrat erreichen wir schließlich den Gipfel. Überwältigt vom Ausblick stehen wir am „Berg der Berge“, wie die Berber ihren Toubkal nennen. Das Panorama ist unglaublich – irgendwie vergleichbar mit den Alpen und doch so anders. In die eine Richtung die Wüste Sahara, in die andere der Atlantik, vor uns eine Abfahrt über die Nordflanke des Toubkal. Wir schnallen die Ski an und können es kaum erwarten. Mehr als 1000 Höhenmeter feinster afrikanischer Powder liegen für uns bereit. Wir können unser Glück während der Abfahrt kaum fassen. Einfach wunderschön. Dass sich der frische Schnee im unteren Drittel der Abfahrt aufgrund der starken Sonneneinstrahlung schon wieder in Frühlingsschnee umgewandelt hat, tut unserer Freude keinen Abbruch. Damit mussten wir ohnehin rechnen. Überglücklich lassen wir uns von den Männern im Refuge mit Minztee empfangen, dem Nationalgetränk der Marokkaner. Zugegeben, ein kühles Radler wäre uns in dem Moment fast lieber, aber Alkohol gibt es in einem muslimischen Land wie Marokko nicht.

„O.K., see you tomorrow then!“ Melissa sieht mich mit großen Augen an. Es steht fest: Den nächsten Tag werden wir mit Heliskiing im Atlasgebirge verbringen. Kurz vor unserem Abflug hatte ich von einem Heliski-Unternehmen in Marrakesch gehört und auch bereits Kontakt aufgenommen. Nach dem Telefonat ist nun alles so weit geklärt.

Bei traumhaften Wetterbedingungen hören wir am nächsten Morgen bereits aus der Ferne die Rotoren des Hubschraubers. Wir sind tatsächlich die Ersten, die mit der französischen Firma Heliski Marrakech im Atlasgebirge zum Heliskiing gehen. Vor zwei Wochen durfte sie nach vielen Verhandlungen mit der marokkanischen Regierung die ersten Flüge in dieser Saison durchführen.

Das komplette Refuge-Team ist aufgeregt und hat sich auf der Terrasse versammelt, als wir in den Helikopter einsteigen. Er ist knapp unterhalb der Hütte gelandet. Nur die Maultiere, die unweit des Hubschraubers gelangweilt auf ihre nächste Tour zurück in das Tal warten, lassen sich von der ungewohnten Situation nicht beirren. Zugegeben, es ist schon eine etwas eigenartige Situation, von so einem einfachen Refuge, wo es nur eine Feuerstelle gibt, von einem Hubschrauber zum Heliskiing abgeholt zu werden. Für moralische Bedenken aber bleibt keine Zeit, und wir heben voll freudiger Erwartung ab. Knapp unterhalb des Felsgipfels des Akioud, einem weiteren 4000er, warten traumhafte Osthänge mit verspielten Rinnen und erstaunlich guten Schneebedingungen geradezu darauf, von uns befahren zu werden. Wobei wir hier nicht von 40 cm trockenstem Champagne-Powder sprechen, sondern von sehr gut fahrbarem Frühlingsschnee oder auch gesetztem Neuschnee.

Leider ist unser Wetterglück nur von kurzer Dauer. Erneut ziehen dichte Wolken auf, aus denen es auch bereits wieder zu schneien beginnt. An einen weiteren Heli-Drop ist daher nicht zu denken. Als sich am Nachmittag die Wolken wieder verziehen, ist es endlich so weit: Melissa und ich gehen mit Mohamed, dem Inhaber des Refuges, und mit Refuge-Manager Abdol Ski fahren. Mohamed ist extra aus Marrakesch angereist, als er gehört hat, dass zwei Europäerinnen zum Skifahren in seiner Hütte sind. Während er uns stolz erzählt, dass er vor etwa 30 Jahren in der Schweiz Ski fahren gelernt hat und dabei seine 2,15 m langen Ski eben aus dieser Zeit auspackt, ist es für Abdol der erste Versuch auf Ski. Stolz spaziert Mohamed aus der Hütte und stapft sogleich mit Melissa den Hang vor dem Refuge hinauf, um nur wenig später in eleganten Wedelschwüngen und mit strahlendem Gesicht wieder bei uns zu sein. Abdol hingegen hat mit den Schwierigkeiten eines Anfängers zu kämpfen. Der weiche, teils matschige Schnee erleichtert ihm das Lernen nicht. Dennoch gelingt ihm mit meiner Hilfe die erste Kurve. Er hat unglaublich Spaß daran und gibt nicht auf. Die Leidenschaft Ski fahren hat ihn im wahrsten Sinne des Wortes gepackt. Er verspricht, nach unserer Abreise fleißig weiterzuüben.

Gemeinsam mit den Berbern lassen wir unseren letzten Abend im Refuge ausklingen. Am Morgen des nächsten Tages heißt es Abschied nehmen. Es ist ein wunderschöner Tag, und wir genießen die farbenfrohe Landschaft im Mizane-Tal. Der Frühling ist erwacht. Es ist ordentlich warm geworden, und von allen Seiten rinnt in breiten Bächen das Schmelzwasser hinab. Im Tal wechseln wir schnell unsere Schuhe – und in Flip-Flops und T-Shirts fahren wir in die Hafenstadt Essaouira, Abschlusspunkt unseres exotischen Ski-Trips.

Drei Wochen nach unserer Rückkehr bekomme ich per E-Mail ein Handy-Video. Es zeigt, wie Abdol schön einen Schwung nach dem anderen aneinanderreiht und anschließend breit in die Kamera grinst. Er hat tatsächlich weitergeübt. Mir steigen Tränen in die Augen – das ist eine der schönsten Erinnerungen dieses Trips.

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19.11.2012
Autor: Sandra Lahnsteiner
© planetSNOW
Ausgabe 03/2012