Brandnertal, Vorarlberg: Geheimtipp für Freerider

Freeride-Test bestanden!

Das abgelegene Brandnertal in Vorarlberg ist ein bisschen vergessen. Ein kleines, unbekanntes Familienskigebiet und hoher Niederschlag – das sind zwei hervorragende Gründe, das beschauliche Tal auf seine Freeride-Eignung zu testen.

Lesen Sie in diesem Artikel:


Fotostrecke: Freeride-Check: Brandnertal, Österreich

6 Bilder
PlanetSNOW Reise Brandnertal Vorarlberg Foto: Boris Dufour
PlanetSNOW Reise Brandnertal Vorarlberg Foto: Marius Schwager
PlanetSNOW Reise Brandnertal Vorarlberg Foto: Marius Schwager

„Sportliches Familienskigebiet“? Moment – da war doch dieser Tipp, dass Familienskigebiete kaum Powder-Fans anziehen, oft aber gar nicht so schlecht sind, wie ihr Ruf unter Freeridern ist ... Grund genug für mich, das Gebiet mit Marc Hartinger, Peter Seidl und Dominique Heinrich auf seine Freeride-Tauglichkeit zu prüfen. Eine knappe Woche sind wir dafür im Skigebiet und auf den angrenzenden Hängen unterwegs. Freerider laufen uns dabei nur eine Handvoll über den Weg, und das trotz frischem Neuschnee und Sonnenschein.

Das Brandnertal liegt in Vorarlberg in Österreich zwischen Bludenz und dem knapp 3000 Meter hohen Schesaplana-Massiv. Die beiden Ortschaften im Tal, Brand und Bürserberg, erstrecken sich zwischen 900 und 1000 Meter. Sie sind mit vergleichsweise viel Niederschlag gesegnet. Die Lage des Tals ist exponiert am äußeren nördlichen Alpenbogen unweit der Schweizer Grenze. Ähnlich wie im bekannteren Montafon oder am Arlberg laden sich hier bei Nord- und Westströmungen ordentliche Mengen Neuschnee ab.

Neuschnee + Ski = Freeride

14 Liftanlagen erschließen 55 Kilometer Pisten. Zahlen, die im Kampf der Superlativ-Skigebiete niemand hinter dem Ofen hervorlocken. Das Skigebiet erstreckt sich auch nur zwischen 900 und 2000 Meter. Die geringe Höhenlage ist der Grund für die früh endende Saison. Gänzlich unbefleckt von Freeride-Spuren ist das Brandnertal allerdings nicht. Seit 2005 werden kleinere, regionale Freeride-Contests durchgeführt. Trotz dieses zarten Marketings zieht es kaum einen Freerider in das Brandnertal. Marc und Peter treffen einige Bekannte aus der nahen Bodensee-Region. Ansonsten entdecken wir außer einigen Tourengehern niemanden, der sich ernsthaft abseits der markierten Pisten bewegt. Alles ist entspannt. Zur morgendlichen Begrüßung im Skigebiet müssen wir erst einmal mit Thomas, dem Inhaber des Sportgeschäfts an der Talstation, einen Willkommens-Schnaps trinken. Ein frisch gebrühter Kaffee darf’s auch noch sein, aber gerne! „Keine Hektik“, beruhigt uns Thomas. „Die First Lines fährt euch sowieso niemand weg.“

Es schneit mäßig heute Morgen. Ungefähr ein halber Meter frischer Neuschnee hat sich über Nacht angesammelt. Wir halten uns rund um die Skiroute Lorenzital auf. Zwischen den Bergstationen der Gulma- und der Glattjochbahn zieht sich ein flacher Rücken entlang, auf dessen nördlicher Seite ein perfekt geneigter Nordhang abfällt. Lichter Wald gibt auch bei Schneefall Kontrast. Lawinenverbauungen sowie viele natürliche Pillows und Cliffs bieten ein wahrens Paradies für verspielte Freerider. Der Hang ins Lorenzital hat zwar nur etwa 300 Abfahrtshöhenmeter, wird aber auch nach einem halben Tag nicht langweilig. Zurück zu den Liften geht es bequem per Piste, die im Talboden verläuft.

Entspannt pendeln wir mit der neuen Panoramabahn in den Skigebietsteil am Bürserberg. Von der Bergstation der Loischbahn gehen wir wenige Meter auf den Gipfel des Loischkopfs. Der Blick schweift in das Rheintal von Bludenz bis zum Arlberg. Ostseitig fahren wir in die offensichtliche Lichtung. Wellen und natürliche Features laden hier zum Spielen mit dem Gelände ein.

Vorsicht: Freeride im Wald ist verboten

Am Loischkopf lockt bei Schlechtwetter auch fahrbarer Wald. Doch Vorsicht! Ski fahren im Wald ist in Vorarlberg nach einer Gesetzesnovelle seit wenigen Jahren verboten. Ski fahren in Skigebietsnähe (bis 30 Minuten Fußmarsch zählen hier dazu) ist in Waldgebieten nur auf Skipisten und ausgewiesenen Skirouten erlaubt. Wer erwischt wird, kann nach aktueller Gesetzeslage mit bis zu 730 Euro Strafe zur Kasse gebeten werden. Wir kehren in der Skihütte Fuchsbau ein. Ein angeregter Plausch mit der Hüttenwirtin gehört hier im Familienbetrieb zum guten Ton. Riesige SB-Massenrestaurants findet man im Brandnertal nicht, und das ist gut so. Après-Ski und Massen-Partytourimus, sonst vielerorts als „typisch für Österreich“ angesehen, gibt es ebenso wenig. Genau in der Beschaulichkeit liegt das Besondere am Brandnertal. Freunde des nächtlichen Sozialengagements können abends in übersichtlicher Runde im Mühlebach, der Alptenne oder im Heuboda die Qualität der Hausbrände testen.

Gänzlich unerschlossen ist das Tal keineswegs. Noch vor einigen Jahren schien es, als verliere das Brandnertal den Anschluss an die harte und hochklassige Konkurrenz am Arlberg und im Montafon. Man musste sich etwas einfallen lassen. Der Bestand des Ortes war gefährdet. Die Liftverbindung mit dem Bürserberg sowie eine Modernisierung der Lifte, der Hotellerie und der Infrastruktur wurden beschlossen und umgesetzt. Heute ist das Tal zwar noch verschuldet, die Infrastruktur aber ist hochmodern. Das Corporate Design bleibt positiv im Gedächtnis. Die Preise sind moderat und nachvollziehbar. Stress ist für Gäste ein Fremdwort. Man setzt auf Klasse statt auf Masse. Gut zehn Oberklasse-Hotels und sogar ein vollständiger 18-Loch-Golfplatz finden sich im Sommer im Tal. Das neue Konzept scheint aufzugehen. Das Brandnertal ist auch uns sympathisch. Gestresstes Massenanstehen an doppelten Umlaufbahneinstiegen und Massenabfertigung in Fließband-Restaurants, wie sonst verbreitet, existieren hier nicht. „So wie hier“, sage ich zu Marc, „so sollte Ski fahren überall in Österreich sein.“

Gelände für Freeride-Contests

Familien und gesetztere Genuss-Skifahrer prägen das Bild. Sie fühlen sich vom Brandnertal angezogen und sind gern gesehene Gäste. Ein guter Teil von ihnen kommt aus der Schweiz. Kein Wunder, sie fahren nur wenige Autominuten bis Bludenz und erreichen Brand fast genauso schnell wie ihre heimischen Gebiete. Oberklasse im Brandnertal, das gibt es für den Schweizer Geldbeutel zum Schnäppchentarif.

Mittlerweile ist es warm geworden. Wärmer, als der Wetterdienst es vorhergesagt hat. Der Schnee im unteren Teil und im Wald wird teilweise schwer. Aber weiter oben finden wir rund um die 2331 Meter hohe Windeggerspitze anspruchsvolles Gelände, das mit einem Fußmarsch erreichbar ist. Schon bei der Bergfahrt mit der Glattjochbahn erblicken wir linker Hand die beeindruckende Flanke. Wir können unsere Augen nicht mehr davon abwenden. Zu verlockend ist das steile Gelände und zu pulvrig wirkt der Schnee. Der Nordhang ist mit Tourenausrüstung im Bogen über das Amatschonjoch zu erreichen. Alternativ wählt man den direkten Weg zu Fuß. Die knapp zwei Kilometer lange Flanke wird des Öfteren für Freeride-Contests genutzt, ist steil und felsdurchsetzt. Sie bietet ansprechendes Gelände für Freerider, die es wissen wollen.

Wer es gerne etwas gemütlicher angeht und weniger auf steile Flanken aus ist, kann auch die Südseite der Windeggerspitze befahren. Mittelsteiles Gelände führt in das malerische Zimbatal. Ohne weitere Anstrengung erreicht man per Forststraße bequem die Talabfahrt des Skigebiets. Die gern begangene 2-Tage-Skitour über den Lünersee zum majestätischen und vergletscherten Schesaplana müssen wir wegen des schlechten Wetters verschieben. Während sich die Wolken in das Tal schieben und erneut Neuschnee bringen, zaubern wir lieber noch einmal einige Spuren ins Lorenzital und spielen mit den Pillows.

Freeride entspannt und ohne Hype

Klein, aber fein präsentiert sich uns das Brandnertal. Der viel gepriesene „sanfte Tourismus“ wird hier vorbildlich umgesetzt. Auch Freerider profitieren vom fehlenden Marketing-Hype. Trotz der geringen Größe des Skigebiets und der wenigen erschlossenen Hänge kommen sie voll auf ihre Kosten. Freeriden im Brandnertal ist abwechslungsreich, familiär und entspannt. Powder-Genuss statt Powder-Stress, lautet das Motto. Das Brandnertal bietet weniger Höhenmeter und weniger herausforderndes Gelände als manches Freeride-Mekka. Aber wir können unsere Abfahrten mit viel mehr Ruhe genießen. So entspannt wie hier beenden wir selten unsere Tage.


Inhaltsverzeichnis

26.11.2013
Autor: Marius Schwager
© planetSNOW
Ausgabe 03/2013