Backstage-Report Warren Miller

Skifilm: Warren Miller's Flow State


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Freeski Filme Warren Miller Tour 2012 Flow State Skifilme Alaska Japan Schweiz
Foto: Peter Mathis

 

Freeski Filme Warren Miller Tour 2012 Flow State Skifilme Alaska Japan Schweiz
Foto: Warren Miller / Moving Adventures

 

Freeski Filme Warren Miller Tour 2012 Flow State Skifilme Alaska Japan Schweiz
Foto: Warren Miller / Moving Adventures

 

Freeski Filme Warren Miller Tour 2012 Flow State Skifilme Alaska Japan Schweiz
Foto: Warren Miller / Moving Adventures

 

Freeski Filme Warren Miller Tour 2012 Flow State Skifilme Alaska Japan Schweiz
Foto: Warren Miller / Moving Adventures
In diesem Winter nimmt uns der 63. Skifilm von Warren Miller mit in den „Flow State“ – ein Land, das jeder Skifahrer sucht und das überall auf der Welt zu finden ist. ein Ort, an dem die Zeit umso langsamer und intensiver abläuft, je schneller man unterwegs ist. planetSNOW hat mit dem Freerider Sascha Schmid über die Dreharbeiten am Schilthorn gesprochen.

Ein Alpenort, der für einen Warren Miller-Skifilm ausgewählt werden will, braucht mindestens ein Ass im Ärmel. Das Schilthorn, das wir in seinem neuen Film „Flow State“ zu sehen bekommen, hat gleich drei Trümpfe parat.

Ass Nr. 1: Seit dem James-Bond-Streifen „Im Geheimdienst Ihrer Majestät“ ist das Schilthorn selbst in Amerika bekannt.
Ass Nr. 2: Die spektakuläre Szenerie inmitten vieler 4000er macht es zu einem perfekten Drehort.
Ass Nr. 3: Filmsponsor Kästle hat mit Sascha Schmid einen Athleten im Team, der das Schilthorn kennt wie seine Hosentasche. Das waren Gründe genug für Kameramann Colin Witherill, in den Flieger zu steigen und Sack und Pack mit der Gondel nach Mürren zu schaffen.

Den frankokanadischen Freeride-Star Hugo Harrisson schickte Warren Miller passenderweise gleich mit. Hugo ist ebenfalls Kästle-Teamfahrer und – wie Sascha – Papa von zwei kleinen Kindern. Da lag es nahe, ein Segment zu produzieren, in dem es um Freerider geht, die Vater sind. Ein Segment, das sich mit dem Älter- und Reiferwerden in einer jungen, extremen Sportart beschäftigt.

 

Warren Miller Flow State Ski Skifilm Film Schilthorn
Foto: Warren Miller/Peter Mathis

Skifilm über Freerider, die Väter sind

Die Einladung zu den Dreharbeiten war selbst für den branchenerfahrenen Multi-Profi Sascha, der selbst Skifilme produziert, eine große Sache: „Der Anruf von Warren Miller war für mich ein Riesending – nicht nur, weil es die mit Abstand größte Skifilmproduktion ist, sondern vor allem, weil die Filme mehr bieten als extremes Skifahren. Die Warren Miller-Filme erzählen eine Story und transportieren eine Message.“ Auch für Hugo, der jetzt schon das dritte Mal vor der Warren Miller-Kamera stand, werden die Dreharbeiten nie langweilig: „Mit Warren Miller zu filmen, ist einfach fantastisch. Jedes Mal habe ich einen neuen, großartigen Spot kennengelernt – und die Alpen entdeckt. Für mich als Skifahrer gibt es nichts Besseres.“

„Die zehn Drehtage am Schilthorn waren schnee- und wetterbedingt nicht ganz einfach – und ich hatte eine riesige Erwartungshaltung“, erzählt Sascha. „Am Ende war ich fast ein bisschen enttäuscht, weil Drehen eben doch Drehen bleibt – auch wenn man mit Warren Miller unterwegs ist.“ Alles sei wie bei anderen Produktionen gewesen. Er hatte mehrere Kameras erwartet – aber dann war das Team nur mit Colin Witherill sowie Patrik Huttel unterwegs, der eine kleine Kamera für Making-of-Aufnahmen führte.

Die heikle Lawinenlage, die extreme Kälte, der starke Wind und das vorwiegend hochalpine Gelände am Schilthorn erschwerten die Dreharbeiten. Das Team musste also flexibel sein. „Es gab keinen festen Zeitplan. Wenn es das Wetter erlaubte, sind wir sehr früh auf den Berg“, erzählt Sascha. „Ich kenne die Lines am Schilthorn in- und auswendig und habe Möglichkeiten vorgeschlagen, die Colin dann, wenn möglich, umgesetzt hat. Dennoch haben wir viel Zeit mit dem Suchen nach guten Lines verloren – das ist bei schwierigen Bedingungen immer so.“?Trotz des schlechten Wetters hatten Sascha und Hugo gute Tage in Mürren. Das Skigebiet am Schilthorn besetzt nur eine Flanke des Bergs. Auf allen anderen Seiten erstreckt sich interessantes Freeride-Gelände. „Da gibt es für jedes Wetter und jede Schneelage die richtige Exposition“, weiß Sascha. „Diesmal haben wir viel in der Region Hundshorn gefilmt.“ Dort erreicht man mit kleinen Aufstiegen ein riesiges, zwischen 800 und 3000 Meter gelegenes Freeride-Gelände. „Das Coole an Mürren ist, dass es alles gibt, nur keine Autos“, schwärmt Hugo. „Man packt sein ganzes Zeugs in die Gondel, und dann muss man nur noch Ski fahren!“

 

Warren Miller Flow State Ski Skifilm Film Schilthorn
Foto: Warren Miller/Peter Mathis

Filmen mit dem Heli: Die ganz besondere Line

Ski fahren – das taten die beiden dann auch ausgiebig. Vor allem für Sascha ging dabei auch ein kleiner, schon lange gehegter Traum in Erfüllung: „Das Highlight für mich war der Dreh auf dem schmalen Grat am nördlichen Fuß des 3892 Meter hohen Mittaghorn.“ Diese Line hatte er schon eine ganze Weile im Auge gehabt. Aber sie liegt extrem unzugänglich und ist zu Fuß eigentlich nicht zu erreichen. „Da wir an zwei Tagen mit dem Heli filmen durften – und es für Dreharbeiten erlaubt ist, überall zu landen –, wurde es für mich plötzlich möglich, diese besondere Line zu fahren. Skifahrerisch war dieser Grat nicht so extrem. Aber es war einfach ein sehr, sehr toller Spot, weil die Felsen links und rechts spektakulär abfallen.“

Wenn auf Ski nichts ging, traf sich das Team im Ort und filmte ein bisschen Drumherum. Neben tollen Lines gibt es in „Flow State“ daher auch viel von der atemberaubenden Landschaft rund um Mürren zu sehen – und Lokalkolorit beim Jodeln und Alphornblasen. Auch Sascha und Hugo mussten sich am Alphorn versuchen, durften danach aber bei Bier und Schweizer Volksmusik entspannen. „Bei guten Bedingungen wäre mehr möglich gewesen“, berichtet Sascha, „aber ich denke, wir haben es trotzdem geschafft, ein gutes Segment zu produzieren. Auch wenn es skifahrerisch nicht das Mega-Powder-Segment geworden ist, kommt die Location gut rüber.“ Colin Witherill übernachtete sogar extra im Restaurant in der Bergstation, um von dort aus den Sonnenauf- und -untergang zu filmen. „Entscheidend für ein gutes Gesamtpaket ist letztendlich immer, ob der Kameramann offen für Alternativen und andere Dinge drum herum ist“, findet Sascha.

Auch die Stimmung im Team spielt für ein gelungenes Filmsegment eine wichtige Rolle. Und da gab es bei Sascha und Hugo definitiv keine Probleme. Die beiden kannten sich schon von den Kästle-Team-Meetings. Sie wussten, dass sie sich gut verstehen, standen aber noch nie gemeinsam vor der Kamera. „Es hat Spaß gemacht, endlich einmal mit Sascha zu filmen“, erzählt Hugo. „Wir sind beide unkompliziert, und es gab nie Stress bei der Frage, wann wer welche Line fahren darf.“ Sascha stimmt zu: „Wir haben uns einfach abgewechselt, und die Stimmung war sehr familiär.“ Kein Wunder, denn bei den Dreharbeiten war auch Saschas Familie involviert. „An einem Tag haben wir mit meinen Kindern in Eriz gedreht, einem Mini-Skigebiet mit nur einem Lift oberhalb von Thun“, erzählt Sascha. „1973 haben meine Eltern dort ein Ferienhaus gebaut, und ich habe auf dieser Piste Ski fahren gelernt – so wie meine Kinder Alina und Noel jetzt.“ Auch für Hugo war es ein großer Spaß, mit den Kids unterwegs zu sein – schließlich war es für ihn ein kleiner Vorgeschmack auf die kommenden Jahre: Der 2-jährige Sebastien, Hugos älterer Sohn, wird diesen Winter richtig loslegen, der kleine Xavier ist erst 6 Monate alt.

 

Warren Miller Flow State Ski Skifilm Film Schilthorn
Foto: Warren Miller/Peter Mathis

Auf Ski ans Limit gehen, aber gesund nach Hause kommen

Trotzdem haben Hugo seine Jungs an diesem Tag gefehlt: „Es verändert vieles, wenn man Kinder hat. Für mich ist immer ein bisschen hart, das Haus zu verlassen, weil ich sie vermisse. Aber das Skifahren nimmt einen großen Platz in meinem Leben ein, und ich bin mir sicher, dass meine Jungs diese Leidenschaft eines Tages mit mir teilen werden.“ Auch Sascha will in der Nähe seiner Familie sein – und hat sein Business mehr auf die Schweiz konzentriert. „Man überlegt eben, was man in der Nähe machen kann“, sagt er.

Ansonsten hat sich für den Schweizer Athleten durch die Kinder wenig geändert. Aber er war ohnehin nie einer, der durch hohe Cliffs, superextreme Lines und gefährliche Sachen Aufmerksamkeit erregen musste: „Ich bin schon so lange dabei und habe mein Business durch Kontinuität, Vertrauen und gute Sponsorenarbeit aufgebaut. Ich war nie der ‚coole Hund‘ – aber auch nie wirklich verletzt und für meine Sponsoren immer verfügbar. Die Kunst ist, an und nicht über seine Grenzen zu gehen. Es ist eine Gratwanderung, die eine gute Selbsteinschätzung erfordert.“ Im Unterbewusstsein fährt aber auch bei Sascha die Familie immer mit: „Man weicht allen Gefahren radikal aus.“ Für Hugo hat sich sein Fahrstil durch die Kinder wesentlich stärker verändert: „Ich mache definitiv nicht mehr jeden Scheiß – schließlich habe ich Verantwortung zu tragen. Also sehe ich zu, dass ich gesund nach Hause komme. Trotzdem gehe ich auf Ski an das Limit – aber ich schieße nicht mehr darüber hinaus.“

Auch am Schilthorn hat Papa Hugo gut auf sich und die Kollegen aufgepasst. Das Gelände war Neuland für ihn und die Lawinenlage schwierig zu beurteilen. „Es gab ziemlich viele Fischmäuler, die bis auf den Grund gingen“, erzählt Sascha. „Die waren Hugo nicht so vertraut wie uns, weil es in Amerika aufgrund der geringeren Temperaturdifferenzen kaum Fischmäuler gibt. Hugo war deshalb sehr verhalten. Ich habe gemerkt, dass er einfach kein Risiko eingehen wollte.“ Im „Flow State“ waren die beiden bei den Dreharbeiten leider nicht. Dafür war das Filmen zu anstrengend, die Bedingungen zu schwierig und die Tage zu sehr mit Suchen, Probieren und Organisieren ausgefüllt. Doch auch ohne Flow waren die Drehtage gute Tage. „Wir haben eine spannende Zeit erlebt, viele verschiedene Sachen gemacht und interessante Gespräche geführt – und das alles vor meiner Haustür!“, schwärmt Sascha.

An einem Abend auf der Eisbahn in Mürren gelangten Sascha und Hugo dann allerdings doch noch in den Flow State – dieser ist schließlich nicht nur für Skifahrer reserviert. „Wir haben einfach irgendwelche Fremden zum Eishockey eingeladen und sensationelle Spiele gemacht. Da gab es keinen Stress, kein Suchen nach einer Line – nur uns, den Puck und diese wunderschöne Eisbahn inmitten einer dramatischen Bergkulisse. Das war Flow“, ist Sascha immer noch begeistert.

01.12.2012
Autor: Malin Auras
© planetSNOW
Ausgabe 03/2012