Auf Ski in Afghanistan

Zwei Afghanen auf dem Weg zu Olympia

Ski Afghanistan Olympia
Foto: Franz Walter
Vor 5 Jahren standen Sajjad Hussaini und Alishah Farhang zum ersten Mal in den Bergen des Koh-e-Baba-Massivs auf ihren Ski Marke Eigenbau: Holzlatten mit Lederriemen als Bindung und flach gepressten Cola-Dosen als Belag. Heute haben die jungen Männer aus Afghanistan Rennski an den Füßen – und einen großen Traum.

Als Alishah zum ersten Mal einen Menschen auf Ski an seiner Schafherde vorbeiziehen sah, dachte er: „Ein Verrückter!“ Die sonderbaren Latten, die der Mann an seinen Füßen trug, hatte er nie zuvor gesehen. 5 Jahre ist das her. Jetzt steht er gemeinsam mit seinem Kumpel Sajjad neben Trainer Alwin Ganz im Skigebiet Corviglia in einem Starthaus und schaut durch einen blau-rot ausgeflaggten Stangenwald auf den Nobelort St. Moritz hinunter. 8000 Kilometer sind die beiden jungen Männer aus Afghanistan von ihrer Heimat Bamyan entfernt.

„Das Skifahren hat unser Leben völlig auf den Kopf gestellt“, erklärt Sajjad in gutem Englisch, bevor er sich beherzt aus dem Starthaus katapultiert und zum x-ten Mal an diesem Tag durch die Riesentorlaufstrecke kurvt. Alishah Farhang (23) und Sajjad Hussaini (21) haben ein großes Ziel vor Augen. Die beiden talentierten Skifahrer aus Afghanistan wollen sich für die Olympischen Winterspiele 2018 in Südkorea qualifizieren. Trainer Alwin Ganz ist nach 8 Wochen Trainingslager zuversichtlich: „Beide sind talentiert und begeistert bei der Sache.“ Während die beiden Sportler die ersten Übungstage im Schweizer Schnee noch in einer engagierten Mischung auf Pflug- und Stemmbogen absolviert haben, sieht die antrainierte Carving-Technik nach ein paar Wochen schon ziemlich flott aus: „Sie haben in kurzer Zeit wirklich beachtliche Fortschritte gemacht.“

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Test 2015 Allmountainski Foto: Hersteller
Test 2015 Allmountainski Foto: Hersteller
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Verpasster Flug als Skihelfer

Dass Sajjad und Alishah überhaupt auf Ski stehen, haben sie streng genommen einer Flugannulierung zu verdanken. Als der Schweizer Journalist Christoph Zürcher nach einer Dienstreise 2010 in Kabul festhing, wich er für ein paar Tage in das sichere, 200 Kilometer entfernte Bamyan aus. Angesichts der tief verschneiten, unberührten 4000er und 5000er des Koh-e-Baba-Massivs entstand die Vision, dort mit Einheimischen Ski zu fahren – als Kontrast zu Terror, Folter und Krieg.

Zurück in Europa, nahm Zürcher Kontakt zu ersten Sponsoren auf. Ein paar Monate später reiste der 49-Jährige erneut nach Bamyan. Mit im Gepäck: 15 Paar ausrangierte Ski, Stöcke, entsprechendes Schuhwerk und ein Skilehrer aus der Schweiz. Lernwillige Einheimische, durch die Bank blutige Anfänger, wurden im Skifahren unterrichtet. Auch Sajjad und Alishah nahmen am Skikurs teil. Höhepunkt 2011: Das ers- te Skirennen in Afghanistan. 25 Teilnehmer gingen an den Start. Wer kein Equipment ergattern konnte, trat mit selbst gebauten Ski an. Zürcher fungierte als Rennleiter, Kurssetzer und Zeremonienmeister in Personalunion. Statt Pokalen gab es für die Bestplatzierten heiß begehrte Schweizer Armbanduhren. Für die Siegerehrung wurde schnell noch ein Holzpodest gezimmert. Der Bamyan Skiklub war geboren.

 

Made in Afghanistan

Afghan Ski Challenge

Ende Februar 2015 fand die sogenannte Afghan Ski Challenge, die eigentlich ein Skitouren-Rennen ist, zum fünften Mal statt. „Lifte gibt es freilich keine bei uns“, erklärt Alishah, „das Rennen beginnt mit einem Massenstart im Tal.“ Auf den kräftezehrenden Aufstieg im Tiefschnee folgt die Abfahrt durch ein paar Richttore im Gelände. Mittlerweile nehmen auch junge Frauen am jährlich stattfindenden Rennen teil. Ausländische Skifahrer, die den weiten Weg über Kabul nach Bamyan auf sich nehmen, sind ebenfalls willkommen. „Die Zahl der internationalen Teilnehmer steigt“, erklärt Sajjad und fährt grinsend fort: „Aber gewonnen haben bisher immer Alishah oder ich. In der dünnen Luft sind wir im Aufstieg einfach schneller.“

Ihren Podestplätzen haben sie nicht nur Anerkennung daheim, sondern auch die Einladung zu einem 2-monatigen Trainingscamp in St. Moritz im vergangenen Winter zu verdanken. „Das ist schon eine ziemlich verrückte Geschichte“, stellt Alishah fest, „wir sind im Paradies gelandet. Die Gemeinde St. Moritz will uns die Olympiateilnahme ermöglichen.“ Ein Nobelskiort als Entwicklungshelfer? Marketingstrategisch ist das Engagement jedenfalls ein Volltreffer. St. Moritz feierte als Erfinder des Wintertourismus gerade den 150. Geburtstag. 1928 und 1948 war die Engadiner Gemeinde Austragungsort der Olympischen Winterspiele. Warum also nicht im 8000 Kilometer entfernten Bamyan erneut Pioniergeist beweisen?

Fotostrecke: Skitest: 13 Sportcarver der Saison 2015/2016 im Test

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White Style 2016 Foto: Christoph Laue
Test 2015 Sportcarver Foto: Hersteller
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Après-Ski für den guten Zweck

Damit die beiden Olympioniken in spe kein Heimweh bekamen, eröffnete man in der exklusiven Fußgängerzone in St. Moritz eine Pop-up-Bar, den „Bamyan Ski Club“. In einer ehemaligen Bankfiliale der Credit Suisse wurden im vergangenen Winter Gerichte des Mittleren Ostens im Street-Food-Style sowie Tee, Bier und Hochprozentiges serviert. Die Einnahmen der temporären Bar finanzierten den Skiklub in Afghanistan. Natürlich traf man die beiden Skifahrer aus Afghanistan regelmäßig in „ihrer“ Bar an. Mit klassischem Après-Ski haben sie allerdings wenig am Hut: „Wir trinken keinen Alkohol. Außerdem müssen wir immer früh raus.“ Von Mitte Dezember bis Mitte Februar 2015 trainierten die beiden Sportler täglich von 7.45 bis 16 Uhr an den Hängen der Corviglia.

Martin Berthod, ehemaliger Skirennläufer und heutiger Sportdirektor von St. Moritz, betreute die beiden Afghanen gemeinsam mit Initiator Christoph Zürcher. Nachdem Visa besorgt und Flüge gebucht waren, stellten sie ein professionelles Trainerteam zusammen. Sie vereinbarten eine Kooperation mit dem deutschen Wintersportartikelhersteller Völkl und organisierten die kostenlose Unterkunft und Verpflegung in einer Jugendherberge sowie freies Essen auf einer Skihütte.

Zu Hause studieren die beiden künftigen Skirennläufer Jura und Journalismus. In ihrer Freizeit arbeiten sie als Schafhirten, gelegentlich auch als Trekking-Führer. Dankbar sind sie für alles, was sie in der Schweiz erleben durften. Im Bekanntenkreis wurden sie wie Stars gefeiert. Gespannt verfolgten Geschwister und Freunde ihre Aktivitäten über Facebook.

Ihre Heimat Afghanistan verließen sie für die Reise in die Schweiz zum ersten Mal. Der Flug über Kabul nach Zürich war ein aufregendes Erlebnis. „Im Landeanflug dachte ich, da liegen Sterne auf dem Boden – bis ich begriff, dass es sich hier um Straßenbeleuchtung handelt“, erzählt Sajjad. Als Alishah erfährt, was die Urlauber pro Nacht in St. Moritz berappen, wenn sie beispielsweise in Badrutt’s Palace oder im Kulm Hotel absteigen, schüttelt er den Kopf: „So viel Geld verdient mein Bruder in 2 Jahren!“, sagt er fassungslos. Was sie zu Hause vermissen? „Die bestens präparierten Pisten und die schnellen Lifte.“ Zu Beginn, das geben beide zu, hatten sie richtig Schiss auf den steilen Hängen und rasanten Abfahrten der Alpen. Heute lieben sie die Geschwindigkeit beim Carven.

Der nächste große Schritt folgte im Frühjahr 2015. Anfang März wurde offiziell der Skiverband Afghanistan gegründet. Zürcher und Berthod reisten dafür eigens nach Kabul. Nun steht einer Bewerbung Afghanistans zu den Olympischen Spielen nichts mehr im Wege. Gut 2 Jahre bleiben Alishah und Sajjad jetzt noch Zeit, um sich in diversen Asienmeisterschaften und drittklassigen FIS-Rennen für Pyeongchang zu qualifizieren. Trainer Alwin Ganz wird sie diesen Winter wieder trainieren. Auch in der Bamyan Bar wird man wieder feiern und trinken können. Für den guten Zweck ...

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Die Top 18 Produkte für die Piste Foto: Hersteller
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04.12.2015
Autor: Johanna Stöckl
© planetSNOW
Ausgabe 2015/2016/2015/2016