Werksbesuch: So werden LVS-Geräte bei Ortovox produziert

LVS-Geräte: Lebensrettende Peep-Show

Seit mehr als 30 Jahren ermöglichen Verschütteten-Suchgeräte die Ortung von Lawinenopfern nach dem Sender-Empfänger-Prinzip. Die wenigsten wissen, wie viel Technik in den überlebenswichtigen Helfern steckt. planetSNOW durfte dem Hersteller Ortovox bei der Produktion über die Schulter schauen.

 

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Foto: Ortovox

Es ist dunkel. Du spürst, wie die Kälte in deine Knochen kriecht. Betonschwer lastet der Schnee auf dir. Der Puls rast. Todesangst kommt auf. Krampfhaft versuchst du, die letzten Sauerstoffmoleküle einzusaugen.... Es ist der Albtraum jedes Freeriders, jedes Tourengehers: verschüttet, unter einer Lawine begraben. Der ultimative Ernstfall. Jetzt kommt es darauf an, dass deine Kumpels funktionieren. Dass ihre VS-Geräte funktionieren. Jene kleinen Kästchen, über deren hohen Preis man sich vielleicht schon einmal geärgert hat. Deren Funktionsweise und Bedienung man nie so richtig verstanden hat. Mit denen man viel zu selten geübt hat.

Bei Ortovox in Taufkirchen bei München widmet so mancher Mitarbeiter sein gesamtes Arbeitsleben dem Kampf gegen den Erstickungstod. Es ist ein Spiel gegen die Zeit. Denn nur innerhalb der ersten 15 Minuten nach einem Lawinenabgang besteht eine große Überlebenschance für den Verschütteten. Deshalb geht es darum, verunglückte Personen immer schneller und genauer zu orten. Die ersten Geräte arbeiteten analog mit einer Antenne, die über einen unterschiedlich lauten Signalton die Entfernung zum Verschütteten anzeigte. Später wurden VS-Geräte mit zwei Antennen und einem Display auf den Markt gebracht, die nicht nur die Entfernung, sondern auch die Richtung (entlang einer Feldlinie) anzeigten.
Zur neuen Generation gehören digitale Geräte mit drei Antennen, die noch genauer und schneller arbeiten. Außerdem bieten sie die Möglichkeit, mehrere Verschüttete gleichzeitig zu orten. Inzwischen steht der nächste Techniksprung an: Die Verwendung einer vierten Antenne sowie die Kombination von LVS-Technik mit einem GPS-Empfänger.

Ein neues Gerät entsteht in vier Phasen
Woher kommt der Input für die technologischen Neuerungen? „Da sind zum einen Athleten, Skilehrer, Bergführer und Bergretter, die wir ausrüsten“, erklärt Dieter Kotlaba, der verantwortliche Produktmanager für VS-Geräte bei Ortovox. Vom DSV bis zur Bergrettung Tirol und den Partnern der Safety Academy reiche das Spektrum. Vor allem aber sei die eigene Entwicklungs- und Produktabteilung gefordert. Etwa ein Dutzend Mitarbeiter treffe sich regelmäßig zu Workshops, diskutiere die Ergebnisse von Bergrettungskonferenzen, das Feedback von Händlerschulungen.

Auf dem Weg zu einem neuen Gerät würden immer dieselben Phasen durchlaufen: innovative Idee, Brainstorming, Feedback von Meinungsbildnern, Designphase und Prototyp, erste Testphase, Optimierung, finale Testphase, Serienproduktion. Zwei bis vier Jahre dauere so ein Zyklus. „In bestimmten Phasen sind die Kollegen so oft wie möglich draußen in den Bergen“, sagt Kotlaba. „Unser Standort südlich von München ist perfekt dafür.“ Am Ende stehen dann Norm- und Funktionstests, mechanische Belastungstests und das Überprüfen der Wasserdichtigkeit.

Produktion "Made in Germany"
Erst dann geht es in die Produktion. Nicht in einem Billiglohnland, sondern in Amberg in der Oberpfalz werden die Geräte zusammengebaut. Das Label „Made in Germany“ sei bei einem so sicherheitsrelevanten Gerät auf jeden Fall ein Verkaufsargument, meint Kotlaba. Gehäuse und mechanische Bauteile werden bei Herstellern aus dem Großraum München bestellt, Platinen und Displays stammen meist von Zulieferern aus Asien. Die Auswahl und Abstimmung der optimalen Bauteile sei sehr aufwendig, ebenso die Software-Optimierung und die Qualitätssicherung mit vielen Prüfungen und Testreihen.

Das erkläre den im Vergleich zu Handys oder Unterhaltungselektronik hohen Preis von VS-Geräten, sagt Kotlaba. Zwischen 200 und 400 Euro kosten die kleinen Lebensretter. Ortovox ist in allen Preissegmenten vertreten und hat in den vergangenen fünf Jahren – auch befeuert durch den Freeride-Boom – kontinuierlich mehr Geräte verkauft. Derzeit konzentriert sich Ortovox auf das mittlere Preissegment, das auch für junge Freerider noch erschwinglich ist.

Mehr aktive Sicherheit für Besitzer von LVS-Geräten
Der große Trend des kommenden Winters sei die aktive Sicherheit des Nutzers. Bislang standen nämlich die Käufer neuer VS-Geräte vor einem Dilemma: Ihr neues Hightech-Gerät erleichterte zwar die Suche nach Verschütteten, es trug aber nicht dazu bei, auch selbst schneller gefunden zu werden, wenn die Geräte der Freunde veraltet waren. Es war sozusagen eine Investition in das Leben der anderen. Inzwischen warten die Ortovox-Geräte S+, I+ und ZOOM+ mit der Smart-Antenna-Technologie auf. Dadurch erhöht sich die Sendereichweite des Verschütteten enorm, und dieser wird wesentlich schneller gefunden. „Wer sich die neuen Geräte leistet, tut aktiv etwas für die eigene Sicherheit“, erklärt Kotlaba. Dazu trügen auch der jetzt serienmäßig eingebaute Recco-Reflektor und die Nachlawinen-Umschaltung bei.

Trotzdem müssen Freerider auch mit diesen Hightech-Geräten den richtigen Umgang erst lernen: Als „Trockenübung“ zum Beispiel mit dem „Ortovox Avalanche Lab“, das Online- Video-Tutorials und interaktive Lerninhalte bietet. Am besten aber natürlich draußen im Schnee. Und mit einer Stoppuhr in der Hand.

22.10.2013
Autor: planetSNOW
© planetSNOW
Ausgabe 02/2013