Report: Firnskifahren in Corviglia

Angelos Feingefühl für Firn

Foto: Günter Kast PlanetSnow Firnsaison 2014
Das Fahren abseits der Pisten ist im weichen Frühlingsschnee viel entspannter als das mitunter hektische Suchen nach frischem Pulver im Hochwinter: Die sonnigen Südhänge im Skigebiet Corviglia oberhalb von St. Moritz sind dafür bestens geeignet.

Zum Freeriden nach St. Moritz? Im März? „Auf der Corviglia gibt’s doch fast nur Südhänge“, sagt sie zweifelnd. „Eben!“, antwortet er. Und bringt sich dadurch ganz schön in Zugzwang. Er verspricht ihr endlos lange Abfahrten abseits der präparierten Pisten im butterweichen Firn. Dazu Sonne satt. Ganz ohne den Stress, der nach Neuschneefällen im Hochwinter in den bei „Freireitern“ beliebten Skigebieten herrscht und sich durch den Trend zum Fahren im freien Gelände in den vergangenen Jahren noch verschärft hat. Sie runzelt die Stirn und sagt: „Du sülzt!“ Er erwidert: „Genau. Sulzschnee!“

Zunächst geht seine Rechnung auf: An der Talstation in Celerina ist die Atmosphäre Mitte März tatsächlich sehr entspannt. Viele Variantenfahrer scheinen die Ski schon weggepackt zu haben. Er sieht fast keine Konkurrenten mit breiten Latten über den Schultern, die ihnen die Hänge streitig machen könnten. Ski-Guide Angelo Baggenstos von der Skischule Suvretta Snowsports zeigt mit dem Stock in den wolkenlosen Himmel und meint: „Das wird ein Traumtag heute.“

Oben dann die Ernüchterung: An der Bergstation der Sesselbahn Las Trais Fluors auf 2752 Meter bläst der Wind stärker als erwartet. Im Tal mögen bald die Krokusse sprießen, doch hier oben ist die Luft noch eisig kalt. Hinter dem flatternden Absperrband, das die Piste begrenzt, tut sich ein pickelharter, steiler Hang auf. Man erkennt tückische, gefrorene „Spurrillen“ vom Vortag und glasige, vereiste Flecken. Sie sagt, mit Schärfe in der Stimme: „Da schaut her, ihr Firnzauberer!“

Angelo setzt vorsichtig die ersten Schwünge. Kanten greifen, Schneekristalle knirschen. Selbst er, der Profi, fährt konzentriert und vorsichtig. Einen Preis bei „Deutschland sucht den Super-Freerider“ will jetzt niemand gewinnen. Sie startet als Nächste – und verkantet in dem 40-Grad-Hang, der steiler als jede schwarze Piste ist, prompt mit den Ski. Auf der beinharten Oberfläche gibt es kein Halten. Zum Glück endet die steile Flanke in einem flacheren Auslauf ohne Felsen, der den kapitalen Sturz bremst. Etwas zerrupft rückt sie Helm und Skibrille zurecht. Sie sagt jetzt gar nichts mehr.

„Das wird schon“, meint Angelo, „wir sind noch etwas zu früh dran.“ Und tatsächlich: Nur die erste Hälfte der Abfahrt rattert das Trio mehr oder weniger kontrolliert durch das Gelände. Dann öffnet sich ein weiter Hang, den der Wind verschont und die Sonne bereits verwöhnt hat. Fast andächtig legt Angelo die bloßen Hände auf den speziellen Schnee, für den seine Gäste doch extra gekommen sind: feinster Firn, die oberste Schicht gut 2 Zentimeter weit aufgetaut, darunter eine kompakte und während der Nacht durchgefrorene, stabile Schneedecke. Kein Bruchharschdeckel, kein fauler Sumpfschnee, genau richtig eben. Zu ihr sagen die beiden: „Da schau her.“

Sie lacht auch schon wieder und stürzt sich mit einem lauten „Juchu!“ in die gut 35 Grad steile Flanke. Die Hangneigung ist bei diesen Bedingungen und Lawinenstufe 2 kein Problem. Vorsichtiger müsste man nur am Nachmittag sein, wenn die Sonne den Hang komplett durchfeuchtet hat und dann eventuell Nassschneelawinen bis zum Grund drohen. Das Beste aber: Der gesamte Berg gehört den Dreien allein!

Die Sonne und der Wind haben die alten Spuren regelrecht verblasen. Wie ein frisch gemähter Rasen sieht das aus. Oder ein Teppichboden nach der Schaumbehandlung. Der körnige „Grieß“ lässt sich leicht mit den Kanten wegschieben. Sie cruisen der Talstation entgegen, kosten jeden Schwung voll aus, spielen mit den Kuppen und Senken. Auch Angelo bereitet es sichtlich Spaß. Im Hochwinter sei es oft schwierig, seine Freeride-Gäste glücklich zu machen, erzählt er. „Sie kommen mit hohen Erwartungen. Doch dann gibt es oft keinen Neuschnee. Und falls doch, sind die bekannten Abfahrten nach nur 2 Stunden völlig umgepflügt.“

Firn bietet auch Anfängern einen idealen Einstieg in den Freeride-Spaß, weil man fast wie auf einer Piste fahren kann: „Für das Tiefschneefahren braucht man dagegen wesentlich mehr Kraft, wenn man es noch nicht so gut beherrscht“, weiß Angelo. Außerdem seien für den Firn keine speziellen, extrabreiten Pulverschnee-Ski notwendig: „Das kommt den Gästen entgegen, weil sie ihren eigenen Ski gut kennen.Mit fremden Powder-Brettern tun sie sich dagegen oft schwer.“ Er habe deshalb Kunden, die speziell zum Firnfahren ins Engadin kämen.

Natürlich sei das nicht ganz einfach zu planen: „Es sollte mindestens eine Woche lang tagsüber warm und nachts kalt sein“, erklärt Angelo. Die Kunst bestehe darin, das richtige Timing zu finden und den Tag möglichst schlau zu organisieren: Welche Hänge bekommen schon früh Sonne ab? Welche Flanken erst am Nachmittag? Gute Gebietskenntnisse, ein Guide oder ein Après-Ski-Drink mit den Einheimischen helfen dabei. Mit etwas Übung bekommt man das aber auch allein hin, wenn man zum Beispiel weiß, dass steile Hänge früher „auffirnen“ als flache, weil die Sonneneinstrahlung direkter ist.

Natürlich kommt es auch auf die richtige Hangexposition an: Nach Osten und Süden ausgerichtete Flanken eignen sich für den Vormittag. Am Nachmittag sollte man zu Hängen wechseln, die sich nach Westen hin neigen. Aber Vorsicht beim Kartenstudium: Ein „Südhang“ befindet sich stets auf der Nordseite eines Tales – und vice versa. Wer zu spät oder am falschen Ort unterwegs ist, den bestraft zwar nicht das Leben, aber er bricht durch die gefrorene Schneeoberfläche. „Der Firn wird im Tagesverlauf von Minute zu Minute besser und besser“, sagt Angelo. „Doch dann ist abrupt Schluss. Man fährt einen Hang dreimal, er ist tipptopp. Doch beim vierten Mal wird’s eine Katastrophe, und man versinkt im tiefen Sulz.“

Angelo (57), der seit Jahrzehnten im Oberengadin lebt, weiß, dass Firnspaß natürlich nur dann funktioniert, wenn alle Faktoren – Tageszeit, Höhe, Exposition, Temperatur, Windgeschwindigkeit – harmonieren. Zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein – das sei beim Firn-Freeriden nicht nur die halbe, sondern fast die ganze Miete.

Vor allem die Jahreszeit muss passen: Wenn die Sonne zwischen März und Mai schon genug Kraft hat, um die Schneekristalle zu schmelzen, in der Nacht aber wieder Minusgrade herrschen, verändert sich der Schnee binnen weniger Tage durch das wiederholte Auftauen und Gefrieren zu Firn. „Spring Snow“ oder „Corn Snow“ sagen die Amerikaner, weil er eine graupelartige, körnige Konsistenz hat. „Neve di primavera“ nennen ihn die Italiener. Rund 8 Meter Neuschnee braucht es, um eine 1-Meter-Schicht Firn zu „produzieren“. Das Wort kommt übrigens vom Althochdeutschen „firni“, was „vorjährig“ heißt. Gemeint war ursprünglich also der Schnee aus dem vergangenen Winter, der auch im Sommer nicht wegschmilzt – Schnee von gestern sozusagen.

Auf diesem „Schnee von gestern“ wird man schnell zu einem Freund der Skigebiete rund um St. Moritz. Corviglia, der „Südhang“ mit den noblen Gourmet-Hütten von Reto Mathis bis El Paradiso, ist das beste Revier. Doch auch am eher schattigen Corvatsch findet man im Frühjahr, wenn die Sonne höher steht, guten Firn – vor allem auf den Hängen, die von der Mittelstation bis Surlej und Furtschellas hinabführen.

Oder aber man fährt ins Val Roseg ab und kehrt stilvoll mit der Pferdekutsche nach St. Moritz zurück. An der Diavolezza wiederum versprechen zum einen das Val Arlas und zum anderen die Hänge, die zur Tourenabfahrt auf dem Morteratsch-Gletscher hinführen, perfekten Firnspaß. Allerdings sollte man dabei auf Gletscherspalten achten. Weitere Firnreviere finden Kenner an der Lagalb-Gondel und im Mini-Skigebiet von Zuoz.

Angelo drängt jetzt zur Eile. Nachdem er die Route vom Piz Schlattain in das gleichnamige Talbecken perfekt erwischt hatte, möchte er vor der Mittagspause noch vom Piz Nair ins Val Suvretta abfahren. Die „Guinness“ genannte Variante ist das Highlight des Tages. Im oberen Teil ist sie ebenso steil wie der Knüppel-Hang am Morgen, allerdings dank der inzwischen feinen Firnauflage bestens und sicher zu befahren.

Übersetzt heißt das: 1200 Höhenmeter Skispaß pur, bis die Oberschenkel brennen. Der Frühlingsschnee spritzt nur so unter den Kanten. Der erfahrene Fuchs Angelo hat genau zum richtigen Zeitpunkt das „Go“ gegeben. Es ist Firn zum Niederknien! Zum sich Hineinsetzen! Erst auf den letzten 100 Höhenmetern vor Champfèr wird der Schnee etwas schwerer.

Während sie auf den Skibus warten, wirft Angelo ihm einen verschwörerischen Blick zu und raunt: „Da hast du ja noch einmal Glück gehabt mit deinen Versprechungen.“ „Du aber auch“, antwortet er ihm.

14.12.2014
Autor: Günter Kast
© planetSNOW
Ausgabe 2014/2015/2014/2015