DSV aktiv

Freestyle, Slopestyle, Freeride

Der Traum von den Olympischen Spielen

Sie gelten als die Exoten unter den Skifahrern: Die DSV-Slopestyler stehen nach der Aufnahme in das olympische Wettkampfprogramm von Sotschi 2014 vor ganz neuen Herausforderungen. DSV aktiv hat mit Lena Stoffel und Benedikt Mayr über ihre Vorstellungen, Ziele und Wünsche gesprochen.

 

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Foto: Red Bull / Line Skis Benedikt Mayr (li.), Lena Stoffels (re.): Auf dem Weg zu den Olympischen Spielen.

Lena, Benedikt – wir vermuten, dass Sie für viele Leser neue Gesichter in der DSV-Familie sind. Stellen Sie sich doch bitte kurz vor.
Lena Stoffel: Ich bin 28 Jahre alt und komme aus Leutkirch im Allgäu. Ich wohne in Innsbruck und habe hier auch Gesundheits- und Leistungssport studiert. Früher war ich schon einmal Teil der DSV-Familie, da meine Wurzeln im Alpinen Rennlauf liegen. Bis ich 17 war, stand ich im C-/D-Kader und bin FIS-Rennen gefahren. 2003 wurde ich Deutsche Jugendmeisterin im Slalom. Nach dem Abitur zog ich nach Innsbruck, wo meine Freeride- und Freestyle-Karriere begann. 2010 konnte ich bei den X-Games in Tignes mit dem 5. Platz im Slopestyle meinen größten Erfolg feiern. Leider habe ich mich 2011 schwer am Knie verletzt und bin daher erst diese Saison wieder in das Wettkampfgeschehen zurückgekommen. Ansonsten liebe ich es, im Sommer Wellen- reiten zu gehen.
Benedikt Mayr: Ich bin 23 Jahre alt und komme aus München. Ich wohne seit fünf Jahren in Innsbruck. Mit zirka zehn Jahren begann ich, im Skiclub Lenggries Rennen zu fahren. Ich hatte jedoch mehr Interesse, über die Pistenkanten zu springen als zwischen den Stangen durchzufahren. Daraufhin schickte mein Trainer mich zu den „Freestylern“, damals den Buckelpistenfahrern. Nach einer Weile wurde ich in den C-/D-Jugendkader aufgenommen. Im Jahr 2006 verletzte ich mich schwer am Knie und ließ das Buckelpistenfahren bleiben. Ich fuhr dann, zunächst zum Spaß, immer in den Snowparks. Nach ein paar Contests im Freeskiing bekam ich meine ersten Sponsoren. Somit wurde das Ganze immer intensiver und mehr für mich. Letzten Endes kann ich es seit fast fünf Jahren professionell betreiben.

Slopestyle, die Disziplin, in der Sie beide aktiv sind, gehört 2014 in Sotschi erstmals zum Programm der Olympischen Winterspiele. Was muss man sich darunter vorstellen?
Lena Stoffel: Ein Slopestyle-Wettbewerb besteht aus einem Kurs mit normalerweise fünf bis sechs Obstacles (Hindernissen) – meist drei große Kicker (Schanzen) sowie zwei bis drei Rails (Geländer) und Boxen. Hier stellt man einen möglichst kreativen, sicheren und schwierigen Lauf zusammen. Das heißt, man macht an jedem Hindernis einen anderen Trick: Einmal vorwärts, einmal rückwärts, und das Ganze am besten in beide Richtungen gedreht. Wenn man den Lauf ohne Fehler herunterbringt, erreicht man hoffentlich ein gutes Resultat. Fällt man an einem Hindernis hin oder landet unsauber, gibt das einen großen Punktabzug, und man kann mit der Konkurrenz nicht mehr mithalten. Normalerweise hat man zwei bis drei Runs (Läufe), von denen der beste zählt.

Fotostrecke: In Bildern: Auf Freeride-Ski am Dachstein

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Freeride Dachstein Österreich Foto: Roland Haschka
Freeride Dachstein Österreich Foto: Roland Haschka
Freeride Dachstein Österreich Foto: Roland Haschka

 

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Foto: Red Bull Photofiles Benedikt Mayr: "Ich liebe Ski fahren einfach über alles."

Was waren Ihre ersten Gedanken, als Sie erfahren haben, dass Slopestyle eine olympische Disziplin wird?
Lena Stoffel: Ich fand und finde es immer noch toll. Die Vorstellung, einmal an Olympischen Spielen teilzunehmen, ist für jeden Sportler ein Traum, denke ich. Außerdem wird unsere Sportart dadurch bekannter. Durch mehr Medienaufmerksamkeit ist es auch einfacher für uns, davon zu leben oder eben unsere Sportart ausüben zu können. Andererseits gerät das Freeskiing dadurch natürlich mehr in die Schiene Leistungssport und verliert ein wenig von seiner Freiheit.
Benedikt Mayr: Einen „freien“ Sport wie Freeskiing in Verbände zu zwängen, ist relativ schwierig. Daher war ich anfangs nicht unbedingt begeistert. Ich hatte große Angst davor, dass der Sport und das Flair, das Freeskiing mit sich bringt, durch zu viele Strukturen und Regeln kaputtgemacht werden könnten. Natürlich helfen die Olympischen Spiele, einen Sport wie den unseren der breiten Masse bekannt zu machen. Was natürlich wiederum uns hilft. Letzten Endes kann ich bis jetzt nicht wirklich sagen, ob es gut oder schlecht für die Sportart ist. Das breite Interesse ist viel größer geworden, was natürlich positiv ist. Wo man aber noch einiges verbessern kann, ist bei den Wettkämpfen an sich. Was den Bau des Kurses angeht, wäre da eine Absprache mit den Athleten sehr wichtig. Ansonsten ist es für mich persönlich natürlich ein Traum, die Chance zu haben, vielleicht bei den Olympischen Spielen starten zu können.

 

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Foto: Roxy Lena Stoffel genießt Freeskiing nicht nur im Snowpark.

Im September 2012 hat sich der DSV entschieden, das Freeski- Nationalteam zu unterstützen und das Projekt „Freeski Olympia“ zu starten. Was bedeutet das für Sie und den Sport?
Lena Stoffel: Es ist natürlich eine Hilfe. Wir haben ein kleines Team zusammengestellt und versuchen mit Hilfe der Fördergelder des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB), eine Trainingsstruktur aufzubauen und mit Leben zu füllen. Das reicht im Moment noch nicht sehr weit. Wir bekommen finanzielle Unterstützung, müssen aber einen Großteil selbst leisten.
Benedikt Mayr: Für uns konkret bedeutet das mehr Struktur. Wir können die Infrastruktur des DSV nutzen. Sprich: Wir haben feste Trainingslehrgänge, Trainer, Physiotherapeuten und Ärzte, an die wir uns jederzeit wenden können.

Wie groß waren die Vorbehalte, die Sie als „Freigeister“ und Individualisten hatten, sich in die Strukturen des DSV einzugliedern?
Lena Stoffel: Wir haben das Ganze anfangs schon kritisch gesehen. Aber durch gute Gespräche, die über einen längeren Zeitraum gedauert haben, haben wir einen guten Weg gefunden. Wir „Freigeister“ bleiben jetzt größtenteils frei und sind sozusagen eine unabhängige Mannschaft. Wir bekommen die Fördergelder vom DOSB, profitieren von den Verbandsstrukturen und dürfen trotzdem alle unsere eigenen Sponsoren behalten.
Benedikt Mayr: Keiner von uns war sich anfangs sicher, was genau auf ihn zukommen wird. Wir haben uns aber ziemlich schnell einigen können, wie wir das Ganze positiv für beide Seiten gestalten können. Letzten Endes sind wir auf einen gemeinsamen Nenner gekommen, so dass jetzt beide Seiten davon profitieren können.

Wo mussten Sie als Athleten Kompromisse eingehen, und welche Zugeständnisse hat der Verband Ihnen gegenüber gemacht?
Lena Stoffel: Wir müssen Mitglied im DSV sein und der Nationalen Anti-Doping-Agentur (NADA) beitreten. Und wir müssen Gesundheits- und eventuell Leistungstests machen. Der Verband hat uns das Zugeständnis gegeben, dass wir eine unabhängige Mannschaft bleiben und nicht in den Sponsorenpool des DSV integriert werden.

Was stört Sie im Augenblick noch?
Lena Stoffel: Zum jetzigen Zeitpunkt gibt es beim DSV inhaltlich kaum Kritikpunkte, dafür aber bei der FIS. Es gibt zu wenige Veranstaltungen, und der „Slopestyle-Kurs“ ist selten richtig gut präpariert. Ich komme gerade von dem Weltcup in Silvaplana in der Schweiz. Dort waren die Bedingungen leider sehr schlecht, mit flachen Landungen und schlechten Kickern, was eine erhöhte Verletzungsgefahr in sich birgt.

Benedikt, Sie gehörten als Jugendlicher zum Buckelpistenkader des DSV. Warum sind Sie heute als Freeskier im Slopestyle aktiv?
Benedikt Mayr: Ich habe mich 2006 schwer am Knie verletzt und daraufhin mit dem Buckelpistenfahren aufgehört. Schon damals bin ich gerne durch die Snowparks gefahren. Nachdem ich wieder fit war, bin ich aus Spaß zum Freeskiing gegangen und auch hin und wieder einen Contest mitgefahren. Dabei war ich relativ schnell erfolgreich und bekam meine ersten Sponsoren. Von da an hat sich alles irgendwie von alleine entwickelt. Ich liebe Ski fahren einfach über alles! Deshalb hatte ich auch nie vor, damit aufzuhören – ob jetzt professionell oder einfach zum Spaß. Nachdem Freeskiing jetzt auch bei den Olympischen Spielen dabei ist, schließt sich der Kreis und ich bin wieder beim DSV.

Lena, mit 28 Jahren sind Sie so etwas wie die „Grande Dame des Freeskiing“. Wie hat sich der Sport aus Ihrer Sicht in den letzten Jahren entwickelt?
Lena Stoffel: In den letzten Jahren ist das Level immer weiter gestiegen. Seit der Entscheidung, dass Slopestyle und Halfpipe olympisch werden, sprießen überall Teams aus dem Boden. Der Sport wird sehr viel professioneller. Vor ein paar Jahren ist niemand mit einem Coach im Park gewesen. Jetzt sind alle mit ihrem Coach und einem Team unterwegs.

Wie muss man sich Ihr Training im Vergleich zu dem der Alpinen Skiläufer vorstellen?
Benedikt Mayr: Ich denke, dass unser Training im Fitnessbereich ähnlich ist, wenn auch vielleicht nicht ganz so intensiv wie das der Alpinen. Krafttraining und Ausdauertraining gehören bei uns zum Alltag. Ich würde für mich fast behaupten, dass ich mehr Zeit des Jahres auf dem Fahrrad sitze oder im Kraftraum verbringe als auf dem Schnee. Ich hatte in den letzten Jahren einige Verletzungen. Da kann ich es mir nicht leisten, meinen Körper nicht fit zu halten. Im Sommer fokussiert sich das Training allerdings viel mehr auf das Turnerische, das Gefühl in der Luft für Drehungen und Flips (Salti). Dafür gehen wir auch auf die Wasserschanze oder trainieren sehr viel auf dem Trampolin.

Neben den Wettkämpfen gehören für Sie auch Fotoshootings und Filmdrehs zum Arbeitsalltag. Wie ist hier die Gewichtung?
Lena Stoffel: In diesem Jahr, dem Jahr vor den Olympischen Spielen und der ersten Weltcups in unserer Disziplin, liegt bei mir die Priorität auf jeden Fall auf den Weltcups. Wobei ich schon versuche, in den wenigen freien Wochen auch Fotoshootings und Filmdrehs unterzubringen. In den Jahren vor meiner Verletzung war die Gewichtung bei 1:1, würde ich sagen. Unsere Sportart – das „Freeskiing“ – lebt sehr von den Bildern und dem Gefühl, das dadurch vermittelt wird. Es ist nicht nur Slopestyle und Parkfahren. Für mich ist es das ganze Paket! Powdern, Freeriden, Tricks im Gelände, und dann auch das Parkfahren.
Benedikt Mayr: In den letzten Jahren wurde das Filmen für mich immer wichtiger. Ich habe mit 3 Freunden zusammen die Skifilm-Produktionsfirma „Legs of Steel“ gegründet. Wir produzieren in diesem Jahr bereits unseren vierten Film. Auch aufgrund von Verletzungen, immer zum Beginn der Saison, lag dann mein Fokus mehr beim Filmen. Für die kommenden Jahre und vor allem Olympia liegt mein Schwerpunkt aber ganz klar auf den Wettkämpfen. Ich will mir einfach selbst beweisen, was ich erreichen kann. Dazu hatte ich aufgrund von Verletzungen in der Vergangenheit noch nicht so richtig die Chance.

Mit dem 26-jährigen Thomas Hlawitschka haben Sie einen Trainer, der ebenfalls selbst noch aktiv am Wettkampfgeschehen teilnimmt und sogar jünger ist als Sie, Lena. Wie klappt die Zusammenarbeit mit ihm?
Lena Stoffel: Die Zusammenarbeit läuft gut. Wir kennen uns ja schon länger. Es war schon immer so, dass ich von Thomas etwas lernen konnte und er quasi mein Coach war. Deswegen ändert sich da nicht so viel für mich. Auch wenn ich zwei Jahre älter bin.

Benedikt, wie ist es für Sie, wenn der eigene Trainer im Wettkampf auch Konkurrent ist?
Benedikt Mayr: Das ist für mich überhaupt kein Problem. Ich kenne Thomas schon seit über acht Jahren. Wir wohnen sogar zusammen in Innsbruck. Daher ist das keine richtige Konkurrenzsituation. Wir motivieren uns eher gegenseitig. Ich vertraue ihm zu 100 Prozent. Wenn er sagt: „Du kannst das!“, dann weiß ich, dass ich es kann. Es ist immer gut, eine zweite Meinung zu haben.

Wie läuft die Sichtung nach neuen, jungen Freeski-Talenten, und was sollte man an Vorerfahrungen mitbringen?
Benedikt Mayr: Zur Sichtung generell kann ich relativ wenig sagen, da das die Aufgabe der Trainer ist. Wenn man allerdings im Park unterwegs ist, fallen Talente relativ schnell auf. Da merke ich mir in der Regel die Namen und leite sie an die Trainer weiter. Ich pflege immer zu sagen: Die perfekte Voraussetzung für einen Freeskier wäre eine Mischung aus Skirennfahrer, Turner und Skateboarder oder Surfer.

Sind Sie mit den Trainingsmöglichkeiten in Deutschland zufrieden oder hinken wir anderen Nationen hinterher?
Lena Stoffel: Die Trainingsmöglichkeiten in Deutschland halten sich sehr in Grenzen. Wir trainieren viel in Österreich. Einige von uns wohnen in Innsbruck. Wir hatten einen fünfwöchigen Trainingslehrgang in den USA, wo die Parks sehr gut sind. Ende Februar waren wir am Fellhorn. Dort haben die Bergbahnen für uns einen Kicker zum Trainieren gebaut. Das geschah auf Initiative unserer Team-Manager Tobi Reindl und Dani Schiessl, weil es in Deutschland sonst keine Möglichkeiten gibt.
Benedikt Mayr: Der Grund, warum ich in Innsbruck wohne, sind die Trainingsmöglichkeiten, die sich mir hier bieten. Bei uns in Deutschland gibt es schlicht und ergreifend keine. Selbst die Trainingsmöglichkeiten in Österreich und Umgebung sind eher nur ausreichend, wenn man es mit den USA, Kanada oder den skandinavischen Ländern vergleicht. Wir sind daher auch sehr viel im Ausland unterwegs oder auf Skigebiete angewiesen, die uns unterstützen und uns unseren eigenen Kicker bauen lassen.

Wie sehen die Qualifikationsregularien für die Teilnahme an den Olympischen Spielen aus?
Lena Stoffel: Wir müssen diese Saison die vier Startplätze für die Nation herausfahren, die es pro Disziplin und Geschlecht maximal gibt. Und dann lauten die nationalen Regularien, dass man entweder zweimal unter die Top 15 oder einmal unter die Top 8 kommen muss.

Wie schaut Ihr Weg bis Sotschi 2014 jetzt aus – gesetzt den Fall, dass Sie sich qualifizieren?
Lena Stoffel: Nachdem ich mir kurz vor den Weltmeisterschaften erneut das Kreuzband gerissen habe, steht für mich erst einmal eine intensive Rehabilitation auf dem Programm. Anschließend natürlich Fitness trainieren sowie auf der Wasserschanze und dem Trampolin neue Tricks lernen. Eventuell ein Trainingslager im Sommer – irgendwo, wo es Schnee und einen guten Park hat. Und dann ist es schon wieder Herbst. Dann geht es wieder zu den Weltcups – bis hoffentlich zu den Olympischen Spielen in Sotschi!
Benedikt Mayr: Bei mir fing die Saison gut an. Die Hälfte der Olympia-Quali konnte ich mir bereits beim ersten Weltcup in Copper Mountain (USA) sichern. Ich konnte so fit wie nie zuvor in die Saison starten und habe es relativ easy angehen lassen, um von Verletzungen verschont zu bleiben und mich sicher qualifizieren zu können. Leider habe ich mich dann Ende Januar an der Schulter verletzt und kämpfe gerade mit einer Schultereckgelenksprengung Typ Tossy II. Ich gehe aber davon aus, dass ich bald wieder auf den Schnee darf. Im April werde ich noch ein bisschen filmen gehen und dann eine kurze Frühjahrspause einlegen. Danach geht auch schon die Vorbereitung für Sotschi los, mit einem Trainingscamp in Neuseeland und dem einen oder anderen Weltcup in Neuseeland oder Südamerika – diese stehen aber noch nicht zu 100 Prozent fest.

15.03.2013
© planetSNOW