Skifahren in der Nacht

A Skiers’ Nightlife

planetSNOW Nachtskifahren
Foto: Engadin / St. Moritz
Für wahre Skifreaks beginnt der Après-Ski erst, wenn normale Skiurlauber längst schon an der Hotelbar versacken. Wer sagt denn auch, dass man nur tagsüber Ski fahren kann? Echtes Skiers’ Nightlife heißt deshalb: Carven auf Flutlichtpisten, Powdern unter der Mitternachtssonne oder mystisches Vollmondskifahren in der Schweiz.

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Auf der Terrasse der El-Paradiso-Hütte gehen 3 Italienerinnen nahtlos vom Lunch zum Après-Ski und vom Wein zum Champagner über. Die Terrasse der Nobelhütte auf der Corviglia oberhalb von St. Moritz ist am Nachmittag voll besetzt. Die Reichen und Schönen frönen im Engadin dem Dolce Vita. In dem Stimmengewirr aus deutschen, englischen, russischen und italienischen Kehlen verstehen wir nur Wortfetzen, obwohl die angeschickerten „Signorine“ alles andere als leise reden.

Irgendwie scheint es um einen „Maurizio“ zu gehen, der die wild gestikulierenden Italienerinnen offenbar mächtig fasziniert. „Bello“ sei er, schwärmt die Brünette mit dem Pelzkrägelchen an der Skijacke, sogar „molto bello, sì“, aber eben auch ein „stronzo“ – ein „Scheißkerl“ also.

Als wir laut loslachen, schauen die 3 verdutzt zu uns herüber. Unsere Reaktion auf den „stronzo“ hat uns als vermeintliche Landsleute oder zumindest italienisch Sprechende verraten – uns aber auch ins Spiel gebracht. Die 3 Italienerinnen stellen sich als Luisa, Cinzia und Maria Grazia aus Mailand vor. Ski gefahren seien sie heute wenig, aber darum ginge es ihnen in St. Moritz ja auch nicht.

Geht es nicht? Uns schon! Wir sagen „ciao“ und machen uns auf den Weg ins Tal. Der Après-Ski mit den 3 Engeln war verlockend. Als echte Skifreaks aber haben wir heute Nacht noch ein ganz spezielles Rendezvous – und zwar oben auf dem Berg mit einer Teufelin.

Nicht im mondänen St. Moritz, wo sich am Abend die Gourmet-Restaurants der Nobelhotels vom Kempinski Grand Hotel des Bains bis hin zum Badrutt’s Palace mit Feinschmeckern aus der ganzen Welt füllen. Wir fahren mit der Rhätischen Bahn nach Pontresina, wo wir uns mit Angelo Baggenstos treffen. Der braungebrannte Bergführer hat sich angeboten, uns der „schönen Teufelin“ Graubündens
vorzustellen – als Kuppler sozusagen.

Der Sage nach zeigt sich das Teufelsweib in klaren Vollmondnächten auf der nach ihr benannten Diavolezza. Und heute Nacht ist so eine Vollmondnacht. „Glüna Plaina“ nennen die Engadiner den Vollmond in ihrer Sprache, erklärt Angelo. Die wenigen „Glüna-Plaina“-Nächte sind für ihn Highlights der Wintersaison. Denn dann läuft die Diavolezza-Gondelbahn bis tief in die Nacht, um Skifahrer und Snowboarder für ein einzigartiges Erlebnis auf den Gipfel zu bringen: Ski fahren im Mondschein ganz ohne Kunstlicht.

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Skischuh: Atomic Waymaker Carbon Foto: Atomic
Dalbello Panterra 120 Foto: Dalbello
Fischer Hybrid12+ Vacuum Foto: Fischer

Schauplatz des mystischen Spektakels ist das kleine Skigebiet der Diavolezza gegenüber des anspruchsvollen Lagalp-Areals. Die Diavolezza ist so ganz anders als die Corviglia drüben in St. Moritz mit ihren feinen Hütten, in denen Kaviar gelöffelt und Champagner geschlürft wird. Auf der Diavolezza gibt es einfache Pasta mit Rotwein, und die Felle trägt man unter den Tourenski statt am Jackenkragen. Tourengeher sowie Freerider mit breiten Powder-Latten und Lawinen-Airbags auf dem Rücken prägen das Bild.

Das ist auch jetzt am frühen Abend so, als wir mit Angelo in die neue Gondelbahn steigen. Oben angekommen, verschlägt uns der „Festsaal der Alpen“ mit Piz Bernina und Piz Palü die Sprache. Die letzten Sonnenstrahlen tauchen die gigantischen Bergmassive in weiches Licht. Dunkelrot funkelt der Himmel über dem 3207 Meter hohen Munt Pers.

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planetSNOW Offpisteski Test Atomic Vantage Alibi Foto: Atomic
planetSNOW Offpisteski Test Blizzard Bonafide Foto: Blizzard
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„Dort soll die Diavolezza einst in einer Felsenburg gehaust haben“, erklärt Angelo. Und wenn sie zum Baden an den Bergsee ging, folgten ihr Jäger und Bergsteiger. Vom Anblick des schönen Teufelsweibs ganz gebannt, wurden sie unvorsichtig und stürzten in den Tod. „Keiner kam je zurück“, zitiert Angelo die Sage von der schönen Teufelin, die irgendwann aus ihrer Felsenburg verschwand. In „Glüna-Plaina“-Nächten aber komme sie manchmal zurück ins Bernina-Massiv, verrät Angelo. Und tatsächlich glaubt man die Umrisse der Teufelin im fahlen Mondlicht zu erkennen – mal auf den felsigen Steilhängen, mal in den bizarren Eisfeldern des Morteratsch-Gletschers. „Es braucht halt ein bisschen Fantasie dazu“, meint Angelo schmunzelnd.

Zum Skifahren im Mondlicht braucht es dagegen nur ein bisschen Überwindung. Bevor das letzte Alpenglühen erlischt, will Angelo mit uns zumindest noch 1 oder 2 Abfahrten machen. „Zur Eingewöhnung“, meint der Engadiner. „Wer die Strecke im Hellen schon einmal gefahren ist, fühlt sich im Dunkeln nachher viel sicherer“, meint Angelo. Die rote Piste ist bei Tageslicht noch ein Kinderspiel. Gleich zum Einstieg geht es unterhalb des Berghauses ein bisschen steiler hinein, dann aber windet sich die Abfahrt mit eher sanftem Gefälle in das Tal.

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planetSNOW 2014 Test Racecarver Atomic Redster Doubledeck 3.0 GS Foto: Atomic
planetSNOW 2014 Test Racecarver Blizzard WRC Racing Suspension Foto: Blizzard
planetSNOW 2014 Test Racecarver Dynastar Speed Course Fluid Foto: Dynastar

Entspannt carven wir in weiten Schwüngen hinunter zur Talstation der Gondel. Als wir wieder hinaufschweben, ist das letzte Tageslicht gewichen. Nur noch der Mond beleuchtet die Gipfel, die sich vor dem tiefschwarzen Himmel abzeichnen. Rund um das Berghaus tummeln sich die Mondsüchtigen. Wie Gespenster gleiten sie einer nach dem anderen über die Piste.

Aus dem 41 Grad heißen Wasser des Berghaus-Außen-Whirlpools – dem höchstgelegenen der Alpen – steigt Dampf in die kalte Nacht empor. Aus dem Restaurant fällt Licht hinaus auf den glitzernden Schnee. Ansonsten ist kein Kunstlicht mehr zu sehen. Selbst die Gondel der Diavolezza-Bahn hat ihre Lichter gelöscht und gleitet kaum erkennbar durch die Nacht. Unsere Augen müssen sich erst noch an das schwache Mondlicht gewöhnen. Die Dunkelheit verunsichert, schärft aber auch die Sinne: Alles klingt lauter. Das Kratzen der Ski auf dem angefrorenen Schnee schmerzt beinahe in den Ohren. Der Einstieg in die Piste fühlt sich im Dunkeln plötzlich sehr viel steiler an. In vorsichtigen Kurz-Schwüngen folgen wir Angelo.

Mit jedem Schwung werden wir jedoch sicherer, die Radien größer, die Geschwindigkeit höher. Immer entspannter cruisen wir durch die Nacht. Der Puls schießt nur noch hoch, wenn wir in den Schatten hineinfahren, den der mächtige Corn Diavolezza auf die Piste wirft. Der Blindflug dauert aber nur Sekunden, dann schießen wir wieder hinaus aus dem Schatten in das Mondlicht.

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Protektor Komperdell Cross Vest with Belt Foto: Komperdell
Rückenprotektor Sweet Protection Grinder Back Protector Foto: Sweet Protection
Skibrille adidas Eyewear ID2 Foto: adidas

Wir gewöhnen uns immer besser an das fahle Licht des Mondes, das Angelo gar nichts auszumachen scheint. Der Skilehrer kennt jeden Zentimeter der Diavolezza wie seine Westentasche – die grandiosen Freeride-Hänge im Val Arlas genauso wie die 10 Kilometer lange Gletscherabfahrt hinunter zum Bahnhof der Rhätischen Bahn nach Morteratsch. „Wenn es Schnee und Wetter zulassen, kann man diese Gletscherabfahrt mit einem Guide auch in den Vollmondnächten fahren“, erzählt Angelo, der sogar schon einmal im Mondschein Tiefschnee gefahren ist. „Das war grandios, aber irgendwie auch ein bisschen unheimlich“, gibt er zu.

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planetSNOW Skitest Innovationen Blizzard R-Power FS Foto: Blizzard
planetSNOW Skitest Innovationen Dynastar Powertrack 89 Foto: Dynastar

Nach der dritten Abfahrt kehren wir zum „Nachtessen“ in das Berghaus Diavolezza ein. Am Firmament steht die volle Kugel des Mondes und beleuchtet die erhabene Szenerie rund um den 3900 Meter hohen Piz Palü. Innen beleuchtet Kerzenlicht üppig gefüllte Pasta-Teller und köstlich duftende Fondue-Töpfe. Zur Verdauung verzichten wir auf den angebotenen Schnaps und drehen stattdessen lieber noch 2 Mondschein-Skirunden, bevor uns um 23.15 Uhr die letzte Gondel zurück in das Berghaus bringt.

Dort oben fallen wir müde in die Betten. Die Nacht wird kurz. Schließlich sind wir morgen ganz früh schon wieder mit Angelo zu einer Skitour verabredet. Als wir einen letzten Blick über die im Mondlicht funkelnden Gipfel schweifen lassen, fragen wir uns, was wohl Luisa, Cinzia und Maria Grazia heute Abend in den Clubs von St. Moritz erlebt haben. Was auch immer es war – so beeindruckend wie unser Vollmond-Rendezvous mit der schönen Teufelin kann es nicht gewesen sein.

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Best of Ski Test 2014 Foto: Atomic
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Skitouren Tourenski Boots Tourenboots Black Diamond Foto: Black Diamond
Skitouren Tourenski Boots Tourenboots Dynafit Foto: Dynafit
Skitouren Tourenski Boots Tourenboots Fischer Foto: Fischer

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17.12.2014
Autor: Bernhard Krieger
© planetSNOW
Ausgabe 2014/2015/2014/2015